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Unsichtbarer Tod

Kapitel 2 - vorläufige Fassung

 

(Rückmeldungen gerne via Mail an info [a] stefan-boelts.de)

 

„Mist. Ich habe keinen Empfang“, murmelt Gerard Dupont, während ihm seine Frau Beatrice zärtlich mit einer Hand über seinen dunklen Haarschopf fährt, um ihn zu beruhigen. Doch eigentlich ist er bereits ruhig. Das ist eine der Eigenschaften von Gerard, dass er auch in hektischen Situationen so gut wie nie den Kopf verliert. Beatrice hat noch nie erlebt, dass ihre Ehemann jemals so die Fassung verloren hätte, dass er ausgerastet wäre. „Sparen Sie sich die Mühe. Sie werden hier kein Signal bekommen“, mit einem verschmitzten Lächeln versucht ein schlanker, hochgewachsener Mann Gerard von seinem nervösen Tastenspiel auf dem Handy abzulenken. Und es gelingt ihm. Mit großen Augen schaut Gerard dem jungen Mann an. Unter einer dunkelblonden Pracht von wuscheligen Locken zeichnen sich hellblaue Augen im braungebrannten Gesicht des Fremden ab. Gerard zieht seine dunklen Augenbrauen zusammen. Er ist verwundert, dass ihn der Fremde einfach so anspricht. Er ist erstaunt, dass dieser offenbar besser über die brenzlige Situation bescheit weiß. Und er ist leicht ärgerlich, dass ihn der fremde Mann so einfach und unvermittelt zu verstehen gibt, dass es keinen Sinn und Zweck hat, weiter zu versuchen, mit einem Mobiltelefon Hilfe herbei zurufen. Warum eigentlich nicht? Diese Frage schießt Gerard in den Kopf und seine eigenen dunkelbraunen Augen verraten das große Fragezeichen in seinen Gedanken. „Sie bekommen hier keinen Empfang. Im Umkreis von mehreren Kilometern wohl nicht. Der nächste Sendemast ist mindestens 50 Kilometer entfernt. Hier ist mit Sicherheit kein Mobilfunknetz mehr in Betrieb. Wozu denn auch? Hier wohnt ja auch keiner mehr...“, erläutert der dunkelblonde Lockenkopf und lächelt, als könne man sich das eigentlich denken. Und in der Tat, da hätte Gerard auch selbst drauf kommen können. Das ärgert ihn leicht, doch er lässt sich nichts anmerken. „Oh, entschuldigen Sie. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Chevalier. Mein Name ist Jean Chevalier“, stellt sich der braungebrannte Mann vor. „Ehm“, Gerard ist noch immer leicht verlegen und fügt nach einen kurzen Weile hinzu: „Gerard Dupont. Ich heiße Gerard Dupont. Und dies ist meine Frau Beatrice...“ Gerard klappt sein Handy wieder zu und zeigt auf seine Anvertraute. „Hallo“, sagt Beatrice und wirft sodann einen schweigenden Blick auf die vorderste Sitzreihe in der Business Class.

Jean Chevalier folgt ihrem Blick. Auf der ersten Sitzreihe hatte zuvor eine Stewardess alle Armstützen eingeklappt gehabt und dann hatte er selbst zusammen mit dem Copiloten den Flugkapitän auf die improvisierte Liege gelegt, nachdem sie ihn gemeinsam aus dem Cockpit getragen hatten. „Der Kapitän hat sich beim Aufprall am Kopf verletzt. Er ist bewusstlos und hat eine Platzwunde. Aber ich denke, der wird schon wieder“, erläutert Jean, als er sich wieder den Duponts zuwendet. Leichte Falten auf der Stirn von Beatrice verraten ihre Sorge. Das Lächeln auf Jeans braungebranntem Gesicht wird schmaler. „Wir werden ohnehin nicht mehr starten können. Der Copilot meint, wir haben bei unserem kleinem Crash das Bugrad verloren. Ich fürchte, wir werden hier einige Zeit ausharren müssen, bis Hilfe kommt“, setzt Jean Chevalier fort. Bei seinen letzten Worten entschwindet das Lächeln gänzlich aus seinem Gesicht. Beatrice greift nach der Hand ihres Ehemanns, während Jean dann doch wieder ein mutmachendes Lächeln aufsetzt: „Aber es wird schon werden. Vermutlich sind schon Helfer hierher unterwegs.“ Der Optimismus in seiner Stimme steckt an, so dass Gerard mit einem leichten Lächeln nickt: „Bestimmt.“

Eine Stewardess mit zu einem Zopf zusammengebundenen fast schneeweißem Haar kommt mit zwei weiteren Frauen aus der Economy Class in den vorderen Bereich der gestrandeten Maschine. „Lassen Sie mich bitte durch, ich bin Ärztin“, sagt die ältere der beiden Passagierinnen, als sich die Dreigruppe durch die kleine Menschenansammlung im Gang der Business Class vorarbeiten muss. Beatrice, Gerard und Jean beobachten, wie sich die Ärztin und die andere Passagierin zum bewusstlosen Flugkapitän begeben. Der Copilot, der eben noch neben seinen Vorgesetzten hockte, steht auf. „Ich habe eine Ärztin und eine Krankenschwester unter den Passagieren gefunden“, erläutert die Stewardess mit dem langen Zopf, der fast zu ihren Nieren reicht. „Monsieur Piccard. Mein Name ist Sophie Alliot-Marie. Ich bin Assistenzärztin in Le Havre“, mit diesen Worten reicht die etwas ältere Frau dem Copiloten kurz die Hand, um sich alsgleich ihrem Patienten auf der improvisierten Liege zu widmen. „Hallo. Yasmin de Villepin. Ich bin Krankenschwester“ , erklärt sich die jüngere Frau mit den frechen Sommersprossen im Gesicht und beugt sich ebenfalls zum Flugkapitän hinunter.

Der Copilot überlässt die Versorgung des Verletzten nun dem medizinischen Fachpersonal und ruft dezent die Stewardessen zusammen: „Erkundigen Sie sich bitte, ob es unter dem Passagieren jemanden gibt, der sich vielleicht mit Elektrotechnik oder Vergleichbarem auskennt. Wenn wir unseren Funk mit dem Notstrom verbinden könnten, wären wir ein ganzes Stück weiter.“ Die drei Stewardessen machen sich auf den Weg. Jaques Piccard wirft einen Blick auf Jean Chevalier, der ihm beim Tragen des verwundeten Flugkapitäns geholfen hatte. Dann wandert sein Blick zu den Duponts. „Bei Ihnen alles in Ordnung?“, erkundigt sich der Copilot. „Ja, Danke“, antwortet Jean für die drei, während Beatrice und Gerard nur nicken. Der Geschäftsmann aus der den Duponts gegenüberliegenden Sitzreihe will nun wissen, wie lange es dauert, bis die Rettungskräfte eintreffen werden. „Das kann ich Ihnen leider nicht genau sagen. Aber beruhigen Sie sich. Die Rettungsteams sind mit Sicherheit schon auf dem Weg“, beschwichtigt der Pilot und wendet sich dann den Fragen der anderen umherstehenden Passagiere zu.

 

„Monsieur Dupont. Es hilft uns nicht weiter, wenn Sie hier ständig anrufen. Wir informieren Sie umgehend, sobald wir neue Informationen haben, versprochen“, sagt die Stimme einer Mitarbeiterin vom Außenministerium in der Ohrmuschel, während Gregoire Dupont die Finger seiner linken Hand zu einer Faust ballt. „Aber ich verstehe nicht, warum überhaupt noch keine Rettungsoperation gestartet worden ist“, der Tonfall des Air France Managers lässt die übrigen im Büro anwesenden Personen zusammenzucken. „Die Deutschen werden erst mal eine unbemannte Drohne einsetzen. Solange sie keinen Anhaltspunkt haben, dass überhaupt jemand den Absturz überlebt hat, wollen Sie keine Menschen in die Sperrzone schicken. Dass muss Ihnen doch einleuchten, Monsieur Dupont“, erklärt die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Gregoire Dupont schlägt mit seiner linken Faust auf den Schreibtisch: „Das dauert mir einfach alles viel zu lange“, pustet er ins Telefon.

„Monsieur Dupont. Bitte. Wir müssen diese Angelegenheit sachlich und professionell angehen. Wir können nicht überstürzt das Leben weiterer Menschen gefährden, solange wir nicht wissen, ob die Maschine überhaupt an einem Stück vom Himmel gekommen ist...“, die Mitarbeiterin des Pariser Außenministeriums legt eine kleine Pause ein. Dann setzt sie das Telefongespräch fort: „Vielleicht wäre es besser, wenn Sie sich aus der weiteren Klärung heraushalten würden. Immerhin sind Sie persönlich betroffen. Das trübt zwangsläufig Ihr Beurteilungsvermögen...“ „Woher wissen Sie...“, fällt Dupont der Frau ins Wort. Diese antwortet keck: „Monsieur Dupont. Auch wir haben einen Fernseher im Büro stehen..“ Der Air France Manager verstummt und sammelt seine Gedanken. „Monsieur Dupont. Ich verspreche Ihnen. Wir werden in Berlin und München Druck machen, dass die Hilfskräfte so rasch wie möglich nach Frankfurt entsendet werden, sobald uns die Auswertungsdaten der Drohne das Überleben von Passagieren bestätigen. Ich werde Ihr Büro dann sofort kontaktieren“, die Worte der Frau klingen entschlossen und entgültig. „Ich verstehe“, murmelt Gregoire und ohne weitere Worte der Verabschiedung zu finden lässt er den Hörer heruntersinken. Sein Blick kreist durch die gespannten Gesichter der anwesenden Air France Mitarbeiter in seinem Büro. Dann legt der den Hörer auf und setzt sich wieder in den großen schwarzen Lederstuhl, aus dem er während des hitzigen Telefongesprächs heraus geschnellt war.

„Soll das heißen, die Deutschen haben noch gar nicht angefangen, nach Ihnen zu suchen?“, die Stimme von Raphael Meunier ist vorwurfsvoll, aber leise. Gregoire nickt seinem stellvertretenden Geschäftsführer wortlos zu und reibt sich kurz die Augen. „Merde“, flucht ein dritter Air France Mitarbeiter leise vor sicht hin, während Raphael wieder ansetzt: „Ich verstehe nicht. Wieso haben die Deutschen noch niemanden geschickt?“ Gregoire Dupont starrt kurz auf die Tischplatte. Dann hebt er seinen Blick und schaut Raphael ins Gesicht: „Offenbar sind die Deutschen der Meinung, dass unsere Maschine abgestürzt ist und nicht notgelandet haben kann. Die Armee schickt so eine... ferngesteuerte... Drohne. Sie wollen erst Gewissheit haben, dass überhaupt noch jemand am Leben ist, bevor sie Soldaten und Hilfskräfte in die Sperrzone schicken.“ „Und wie lange wird das dauern?“, fragt Raphael nach. „Ich weiß es nicht“, antwortet Gregoire. Seine Stimme klingt müde und geschwächt. Es macht ihm Mühe, überhaupt noch etwas zu sagen: „Ich hoffe nur, dass sich die Deutschen beeilen. Uns läuft die Zeit davon. Je länger die Menschen dort festsitzen, desto...“ Wieder bricht Gregoire seinen Satz ab. Aber er muss ihn nicht fortsetzen. Ein betretenes Schweigen erfüllt den Raum, denn allen ist offenkundig klar, was Gregoire Dupont damit meint. Nur der Fernseher am anderen Ende des Büros läuft noch und unterbricht die angespannte Stille.

Auf allen Kanälen wird über die vermisste Air France Maschine berichtet. Einige sprechen von einem möglichen Absturz, andere halten sich an das offizielle Statement der Pressekonferenz, dass man bei Air France noch von einer Notlandung des Verkehrsliners ausgeht. Und in fast allen Nachrichten- und Sondersendungen ist zu sehen, wie Gregoire Dupont wortlos die Pressekonferenz verlässt. Neben den Spekulationen, ob und wie viele Überlebende es von Flug 86 geben könnte, mischen sich andere Spekulationen darüber, ob Gregoire Dupont überhaupt der richtige Mann sei, um diese Krise bei der Air France-KLM Group zu meistern. Einige Kommentatoren kritisieren, der Manager sei persönlich befangen und könne deshalb die Lage nicht objektiv einschätzen. Andere Journalisten sehen dagegen den Vorteil, dass sich Dupont persönlich für eine rasche Aufklärung der Situation bemühen wird.

Immer und immer kehren die selben Sequenzen auf dem Bildschirm wieder. Animationen von einem A320-200, Fotos und Archivaufnahmen von Air France Flugzeugen, Ausschnitte von der zurückliegenden Presse-Konferenz und schließlich immer wieder die Karte, auf der die rotmarkierte Flugroute zwischen Amsterdam und Athen in Höhe von Frankfurt am Main abbricht. Nach einiger Zeit gibt es auch die ersten Interviews mit Angehörigen, die an den beiden Flughäfen in Amsterdam und Athen auf Neuigkeiten warten. Ein Angehöriger beschwert sich und kritisiert über die Fernsehkameras das Informationsmanagement von Air France-KLM. Doch auf die ersehnten Neuigkeiten warten die Angehörigen zu diesem Zeitpunkt genauso ungeduldig und gespannt wie die Manager der Pariser Fluglinie selbst.

Es folgt die nächste Sondersendung, doch diesmal geht es nicht nur um die verschollene Passagiermaschine. Die ersten Bilder von der Katastrophe vor rund zehn Jahren flimmern nun über Frankreichs Fernsehbildschirmen. Ein Nachrichtenmoderator interviewt einen Experten. Für den Studiogast aus der Wissenschaft steht außer Frage, dass das Zögern der damals noch gesamtdeutschen Behörden erst ein Desaster solches Ausmaßes verursacht habe: „Seit dem zweiten Weltkrieg hat kein Ereignis mehr das Gesicht Europas so sehr geprägt und verändert. Das Europa von heute ist ein völlig anderes, als es noch vor zehn Jahren war“, kommentiert der Professor für Politikwissenschaften seine These, die Demokratie des Nachkriegsdeutschlands wäre an ihrer Bewährungsprobe 2009 fast gescheitert.

„Wollen wir nur hoffen, dass die Deutschen diesmal nicht so lange zögern und endlich handeln“, murmelt Raphael so laut vor sich hin, dass es jeder im Büro mühelos mitbekommen kann.

 

Auf dem rund 450 km von Paris entfernten stillgelegten Airport Frankfurt am Main verdunkelt sich zunehmest der Himmel. Der graue wolkenbehangene Himmel weicht der sich ankündigenden Abenddämmerung. Beatrice wischt sich kleine Schweißperlen von der Stirn. Ohne Klimaanlage wird die Luft von Stunde zu Stunde wärmer und stickiger. Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. 17:32. Nun sitzen sie schon zwei Stunden auf diesem verlassenen Flughafen fest, der einst der drittgrößte Luftverkehrsknotenpunkt Europas gewesen war. Und noch immer ist keine Hilfe eingetroffen. Das unruhige Gefühl hat sich nun manifestiert. Angst. Angst ist es, die langsam und stetig aber unaufhaltsam in ihr aufsteigt, sich in allen Gliedern ihres Körpers ausbreitet und langsam beginnt, ihr den Atem zu rauben. Sie hat Angst davor, dass vielleicht gar keine Hilfe unterwegs ist, dass gar keine Rettungskräfte hier eintreffen werden. Würde man sie hier einfach so sitzen und sterben lassen? Sie hat Angst davor, dass niemand überhaupt weiß, dass sie noch leben. Dass die Menschen weit außerhalb der Sperrzone davon ausgehen, sie seien einfach abgestürzt. Aber würden sie denn nicht wenigstens versuchen, nach Überlebenden Ausschau zu halten? Sie hat Angst davor, die Behörden würden sie einfach abschreiben. Sie abschreiben, weil sie so oder so sterben würden. Ist es wirklich so schlimm um die Passagiere von Flug 86 bestellt? Wäre es eine vergebliche Mühe, sie hier rauszuholen? Wie stark mag die Kontamination heute noch sein? Beatrice weiß es nicht. Doch eines weiß sie genau. Je länger sie alle an diesem verseuchten Ort verweilen würden, desto gefährlicher würden die Auswirkungen für sie sein. Und davor hat sie am meisten Angst. Sie mag es sich gar nicht vor Augen malen. Eigentlich kann sie es auch gar nicht richtig begreifen. Man kann ihn nicht sehen. Man kann ihn nicht hören. Man kann ihn nicht schmecken. Und doch ist er da. Er lauert noch immer da draußen und wartet auf seine nächsten Opfer. Er hat es nicht eilig, er hat Zeit – Zeit, die sie nicht mehr haben werden. Er ist geduldig – Geduld, die sie langsam verlieren. Er ist mächtig, sehr mächtig sogar. Vielleicht sogar so mächtig, dass er schon längst in diesem Flugzeug ist und durch die Sitzreihen der Passagiermaschine weht. Und niemand wird ihn aufhalten können, wenn er nach einem greift; der Tod.

Wie ist es eigentlich, wenn man stirbt? Beatrice hatte noch nie darüber nachgedacht, wie sie eines Tages wohl sterben würde. Würde es weh tun, ihr Schmerzen bereiten? Sie erinnert sich an die Bilder, die noch Wochen und Monate nach der Katastrophe auf den Fernsehschirmen flimmerten. Vom Tod gezeichnete Menschen, deren Haare ausfielen und deren Haut fleckig wurde. In den Jahren danach gab es immer wieder Bilder von Babys und Kindern mit genetischen Defekten und Missbildungen, doch die Filmaufnahmen aus den Flüchtlingscamps haben sich tief in ihre Erinnerungen eingebrannt, wie die Menschen teils hilflos auf ihren Pritschen lagen. Das Leid dieser Menschen wurde über den ganzen Globus übertragen, und nicht selten hatte Beatrice das Gefühl gehabt, man könne selbst den Geruch von Blut und Erbrochenen über den Fernsehschirm wahrnehmen. So wollte sie auf keinen Fall enden. Ihre Nackenhaare sträuben sich und es läuft ihr eiskalt den Rücken hinunter. Für einen Moment hatte sie sich gewünscht, die Maschine sei wirklich abgestützt. Vielleicht wäre es für alle besser gewesen. Natürlich hätte der Tod dann gewonnen gehabt. Aber dann wäre es immerhin kurz und schmerzlos gewesen. Lieber einen raschen plötzlichen Tod, als ein schmerzvollen dahinvegetieren. Würde es das sein, was sie nun alle erwartet? Eine leidensvolle Zeit – ein Warten auf den unausweichlichen Tod? Ihr stockt der Atem, als sie merkt, dass sie gerade dabei ist, den letzten Funken Hoffnung in ihre zu begraben. Nein! So durfte es nicht enden. So konnte es nicht enden. Noch vor Stunden war sie der glücklichste Mensch auf Erden. Und nun dachte sie über das Sterben nach. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Sie hatte erst letzte Woche geheiratet. Sie waren auf dem Weg in die Flitterwochen. Sie hat noch Träume und Pläne. Sie ist noch nicht bereit für den Tod, sie will leben!

„Ich muss hier raus!“, hallt es durch die Passagiermaschine. Ein tiefe Männerstimme reißt Beatrice aus ihre Gedanken. „Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss hier raus!“, abgrundtiefe Panik klingt in der Stimme des Mannes, der gerade damit ringt, die Kabinentür ins Freie zu öffnen. Neben dem Copiloten haben sich drei weitere Männer auf ihn gestützt, um ihn daran zu hintern, die Flugzugtür zu öffnen. Jean Chevalier ist auch unter ihnen und versucht den Arm des wild um sich schlagenden Mannes festzuhalten. Gerard springt aus seinem Sitz noch bevor ihn Beatrice festhalten kann. Der Tumult im vorderen Bereich des Flugzeugs lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich. Doch das Gerangelt ist ebenso schnell beendet, wie es angefangen hat. Mit vereinten Kräften wird der in Panik geratene Mann auf einem Sitz festgeschnallt. Dann hört er auf sich zu wehren und fängt an zu weinen, während mehrere Passagiere auf ihn einreden. Völlig außer Puste hockt der Copilot keuchend neben der Kabinentür und lässt die anderen Männer gewähren. Die meisten ziehen sich zurück, als sich eine Stewardess nähert, um sich um den erschöpften Mann zu kümmern. Nur Jean Chevalier bleibt neben ihn sitzen, um ihn im Falle des Falles wieder aufzuhalten. Gerard geht zurück zu seinem Platz und für einen Augenblick kann Beatrice das Gesicht des Mannes erkennen, der noch eben hinaus ins Freie stürmen wollte. Es ist der Geschäftsmann mit dem Laptop, der zuvor auf gleicher Höhe in der Sitzreihe gegenüber gesessen hatte. Als Gerard näher komm, versperrt er seiner Frau den Blick. Beatrice schaut ihrem Mann in die Augen. Gerard erkennt ihre Tränen und nimmt seine Frau vorsichtig in den Arm. Beatrice vergräbt ihre Gesicht in seine linke Schulter und umklammert ihn, als würde sie sich auf hoher See an einem Rettungsring festhalten müssen. Für einen Moment sind all ihre Gedanken wie weggefegt. Der Tumult in der Kabine. Das unerträgliche Warten auf Hilfe. Die dicke Luft. Das beengende Flugzeug. Die Furcht vor dem, was da draußen lauert. Die Angst, was aus ihnen allen werden würde. Alles weg. Sie spürt nur noch seine Nähe. Die Wärme seines Körpers. Seinen leicht erhöhten Pulsschlag. Seine tiefen Atemzüge. Seine Hand, die ihr über den Kopf streichelt. Sein leises Flüstern in ihre Haare: „Psst. Es wird alles wieder gut.“ Wie ein leichtes Schlaflied durchsäuseln seine Worte schließlich ihr Ohr, legen sich wie ein betäubender Nebel um ihre Gehirnwindungen und lassen sie gänzlich alles um ihr herum vergessen. Zumindest für einen Augenblick. Und diesen genießt sie. Beatrice hat ihre Augen geschlossen. Es kommt ihr so vor, als würden sich ihr Pulsschlag und ihr Atemrhythmus denen ihres Mannes anpassen.

 

Ein warmer Sonnenschein erwärmt ihre Haut. Über ihr erstreckt sich ein strahlendblauer wolkenloser Himmel. Die Luft schmeckt leicht salzig und an ihren Füßen spürt sich die Wärme einer sanften Brandung, die mit kleinen Wellen versucht den Sandstrand zu erobern. Es fühlt sich gut an. Ein leichter Wind weht durch ihre schwarzen Haare. Mehrere Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Doch ehe sie nach ihnen greifen kann, wischt ihr Gerard bereits behutsam die Haare aus dem Blickfeld. Seine funkelnden dunkelbraunen Augen zaubern Beatrice ein Lächeln auf die Lippen. Für einen Moment verharren die beiden so am Strand. Raum und Zeit sind wie weggewischt. Es können Sekunden oder Minuten sein, vielleicht auch Stunden. Beatrice hat jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Noch immer strahlen die dunkelbraunen Augen von Gerard. Auch er lächelt. Sie kann seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren. Ihr Blick wandert von einem Auge zum anderen. Fasziniert bestaunt Beatrice das Muster seiner Iriden, wie unzählige und kaum einzeln wahrnehmbare Pigmente jede Iris einem rehbraunen Anschein geben. Das Sonnenlicht, das auf den kleinen Wogen des warmen Meerwassers reflektiert wird, glitzert auch auf seiner Regenbogenhaut, die seine tiefschwarzen Pupille umschlisst. Beatrice fixiert ihren Blick auf eine seiner Pupillen. Kleine Funken sind zu sehen. Für einen Augenblick kommt es ihr vor, als würden sich darin Abermillionen Sterne drehen, so als würde man in ein fremdes fernes Universum schauen. Dann wird der Blick auf diese sonderbare Milchstraße plötzlich verdeckt. Ein Bild schiebt sich davor. Ein Spiegelbild. Für einige Sekunden sieht sie sich selbst, so als würde sie in einen Wandspiegel schauen. Sein Atem ist nun noch deutlicher zu spüren und sie merkt, wie er ihr immer näher kommt. Dann hält sie es nicht mehr aus. Sie schließt ihre Augen und begierig warten ihre Lippen, wie seine auf ihre stoßen. Erst genießt sie, wie seine schmalen feuchten Lippen ihren Mund benetzen. Einmal, zweimal, immer nur für einen kurzen Moment. Ihr Herz wird warm, ihr ganzer Körper wird warm und fühlt sich an wie elektrisiert, als würden Tausende Hormone die Herrschaft über ihren Körper ergreifen wollen. Und sie gibt sich diesem Gefühl hin. Ein Außenstehender würde vielleicht auf den Gedanken kommen, Beatrice versuche Gerard in sich aufzusaugen. Und genau das tut sie auch. Jede Pore, jede einzelne Zelle ihre Körpers sehnt sich nach seiner Nähe. Ein leichter Schmerz zieht durch ihre Lippen, als Gerard sie zärtlich beißt. Doch sie lässt ihn gewähren. Nein, vielmehr beißt sie einfach sanft zurück. Nach einer Weile lösen sich die Lippen wieder. Beatrice öffnet ihre Lieder und schaut in seine rehbraunen Augen. Es kommt ihr vor, als würde die Luft zwischen ihnen beiden anfangen zu knistern. Für einen kurzen Augenblick lässt sie das lächelnde Gesicht mit der kleinen Stupsnase auf sich wirken. Dann fällt sie ihm um den Hals. Wieder spürt sie seine Wärme und den Hormonschub in ihrem Körper. Gerard hält sie fest umschlungen in seinen Armen. Beatrice genießt seine Nähe und schaut in die Ferne. Offenbar ist viel Zeit vergangen, denn die Sonne neigt sich langsam dem Horizont. Aus dem fast schneeweißen Licht wird ein dunkles Gelb, dann ein Orange und schließlich ein dunkles Rot. Es geht so schnell, dass sie ihren Augen nicht trauen will. Doch anstatt sich zu verdunkeln wird das Licht der Sonne immer intensiver. Es wird grell und der noch eben strahlendblaue Himmel verwandelt sich in eine rote Wolkenfront. Feurig rot steigt die Sonne wieder empor. Doch es ist gar nicht mehr die Sonne. Aus dem Leben spendenden Stern am Himmel ist ein giftig roter Feuerball geworden, der sich wie ein großer Wolkenpilz in die Höhe bohrt und den blauen Himmel in sich verschlingt. Rund um den feuerroten Atompilz, der noch immer höher und höher in die Atmosphäre schnellt, breitet sich eine massive Wolkenwand in rasendschneller Geschwindigkeit in alle Himmelsrichtungen aus. Die bizarren Formationen am Himmel erinnern Beatrice an die Filmaufnahmen alter Kernwaffentests auf dem Mururoa Atoll im Südpazifik, die man sich heute noch im Internet anschauen kann. Die Wolkenfront kommt immer näher. Gleich würde sie beide von der Druckwelle fortgerissen werden. Ihre Haut fängt an zu kribbeln, ihre Atem stockt, dann spürt sie den Druck an ihrem Armen, die sie noch immer um seinen Körper geschlungen hält.

Doch der Druck ist ganz anders, als befürchtet, sanft und zärtlich, so als würde sie jemand streicheln. Mit einem Ruck reißt Beatrice ihre Augen auf. „Gerard“, flüstert sie, als sie ihn seine rehbraunen Augen starrt: „was ist passiert?“ Gerard schaut seine Frau verwundert an und streicht ihr liebevoll über den Arm, dann über ihre langen schwarzen Haare. „Hast du geträumt?“, fragt Gerard leise. Beatrice rappelt sich auf und muss sich erst einmal orientieren. Sie sitzt noch immer im Airbus von Air France und lehnt sich an die wohligwarme Seite ihre Ehemanns. „Du bist wohl eingenickt...“, erklärt Gerard. Beatrice pliert in die Runde. „Wie spät ist es?“, fragt sie plötzlich aufgeschreckt. „Es ist kurz vor acht“, antwortet Gerard. „Kurz vor acht! Und es ist immer noch keiner gekommen?“, das Entsetzen auf ihrem Gesicht spricht Bände, als Beatrice wieder das Angesicht ihres Gatten fixiert.

Gerards Lippen bewegen sich kurz, so als wolle er etwas sagen. Dann fährt er wieder über ihre Haare und schüttelt nur leicht den Kopf. Plötzlich sind wieder all die Fragen und Gedanken da und Beatrice hat das Gefühl, ihr Schädel würde gleich platzen. Zärtlich wischt Gerard ihr über eine Wange: „Die Crew meint, wir müssen wohl diese Nacht noch durchhalten. Vermutlich kommen die Rettungstrupps morgen, wenn es wieder hell ist...“ Beatrice wirft einen kurzen Blick aus dem Kabinenfenster. Draußen ist es bereits schwarz wie die Nacht. „Sie haben vorhin Essen aus der Bordküche verteilt“, fährt Gerard fort und nickt in Richtung des heruntergeklappten Tisches. In transparenten Plastikschalen stehen ein Salat und eine Soße separat abgepackt auf dem Klapptisch. „Ich wollte dich vorhin nicht wecken, du hast im Traum so genüsslich gelächelt, da hab ich mich nicht getraut dich aus deinem Nickerchen zu reißen“, flüstert Gerard ihr liebevoll ins Ohr. Beatrice nickt. Für einen Augenblick starrt sie auf den Klapptisch, dann wendet sie sich ihrem Anvertrauten zu: „Kann ich etwas zu trinken haben?“ „Moment. Ich hole dir einen Becher Wasser aus der Bordküche“, flüstert ihr Gerard zu und macht sich so dann auf den Weg.

In der Kabine ist es inzwischen sehr ruhig geworden. So kann sie plötzlich hören, wie ein Kind ein paar Sitzreihen hinter ihr spricht. Ein kleiner Junge unterhält sich offenbar mit seiner Mutter. „Der alte Mann hat gesagt, dass wir bald alle ganz krank werden. Aber ich fühle überhaupt nichts. Stimmt das?“, will der Junge nun wissen. Beatrice reckt ihren Hals und kann erkennen, wie die Mutter ihren Sohn in den Arm nimmt und leise antwortet: „Ich weiß es nicht.“