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Unsichtbarer Tod

Kapitel 1 - vorläufige Fassung

 

(Rückmeldungen gerne via Mail an info [a] stefan-boelts.de)

 

Es regnet. Es regnet noch immer. Weit unten fallen große Regentropfen auf die Erde. Ein Regen, der vor Jahren sehr viel Unglück für zahlreiche Menschen Westeuropas brachte. Doch das ist schon lange her. Hier oben ist der Regen nur schwer greifbar, wie ein konturloser grauer Dunst, der sich anschickt, die Welt zu erobern. Beatrice schaut durch die Glasscheibe auf die verdunkelten Wolkenformationen, die sich unter ihr auftürmen. Sie hatte sich extra einen Platz am Fenster gewünscht, um in die Weiten des Himmels schauen zu können. Doch im Moment konnte man überhaupt nicht weit sehen. Sie dreht ihren Kopf, als würde sie über ihre Schulter blicken wollen. In der grauen Brühe aus Wolkenfetzen kann sie nur schemenhaft das riesige Triebwerk ausmachen, dass unter der Tragfläche des Airbus hängt. Das Brummen von Turbinen dringt dezent in die Passagierkabine ein, die ganz leicht vibriert. Wo der Flügel des Verkehrsliners aufhört, kann sie nur erahnen, wenn das aufblitzende Licht der Begrenzungsbefeuerung durch den trostlosen Himmel zuckt und ihr Kabinenfenster erreicht.

Beatrice lehnt sich wieder zurück und lässt ihren Kopf ins leichte Sitzpolster fallen. Der Geruch eines hartnäckigen Industriereinigers dringt aus dem Sitzbezug und bahnt sich den Weg in ihre Nase. Sie wischt sich eine lange Strähne ihres schwarzen Haars aus dem Gesicht, auf dem sich ein zufriedenes Lächeln ausbreitet. Es regnete schon beim Start ihrer Reise auf dem Airport Charles de Gaulle. Genauer gesagt war Paris in den letzten drei Tagen nur von Regenwolken gefangen gehalten worden. Und auch beim kurzen Abstecher im nördlichen Amsterdam sah es nicht viel besser aus. Sie hatte großes Glück, dass es in der Woche davor gutes Wetter mit sehr viel Sonneschein gab, als sie ihren großen Tag hatte. Ein ganzes Jahr war sie schon aufgeregt gewesen und fieberte diesen Tag entgegen. Es wäre sehr schade gewesen, wenn das Wetter nicht mitgespielt hätte, doch offenbar war man ihr im Himmel wohlgesonnen. Nun floh sie aus dem verregneten Norden und hoffte auf sonnendurchflutete Tage am Mittelmeer. Doch selbst über Regenwetter in Athen würde sie nicht Trübsal blasen. Eigentlich würde rein gar nichts vermögen können, sie aus ihrem Gefühlhoch zu reißen. Sie ist glücklich. Sehr glücklich sogar – und seit vergangenem Freitag frisch vermählt.

Beatrice und Gerard hatten sich an der Universität kennen gelernt und waren schon seit knapp sieben Jahren ein festes Paar gewesen. Für Beatrice war es wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen und als sie ihrer Mutter vor einem Jahr erzählt hatte, dass sie und Gerard heiraten wollen, war ihr erster Kommentar gewesen: „Das wurde aber auch mal Zeit.“ Beatrice kann sich noch genau daran erinnern, wie ihr ihre Mutter strahlend um den Hals fiel. Ihr Vater war anfangs sehr skeptisch gewesen, schließlich kam Gerard „aus einfachen Verhältnissen“. Doch er setzte stets eine gute Mine auf und irgendwann hatte er sich wohl einfach daran gewöhnt, dass seine Tochter Gerard bei jeder Familienfeier im Schlepptau hat.

Für einen kurzen Moment fixiert Beatrice mit ihren kristallblauen Augen den dunkelblauen Fordersitz. Das frisch verheiratete Paar gönnt sich für diese besondere Reise Sitzplätze in der Business Class. Genauer gesagt hatte ihr Vater darauf bestanden, und er ließ seine Beziehungen spielen, damit die Preise erschwinglich sind. Eigentlich wollte er den Flug ganz bezahlen, aber Beatrice konnte manchmal genauso hartnäckig und dickköpfig sein. Sie will endlich auf eigenen Beinen im Leben stehen. Das ihr Vater sie während des Studiums finanziell immer sehr großzügig unterstützte, dafür ist sie ihm immer noch sehr dankbar. Doch nun ist es an der Zeit, sich vom elterlichen Haus abzuseilen. Vor allem will sie nicht den Eindruck erwecken, Gerard wäre nicht in der Lage, finanziell für sie und ihre gemeinsame Zukunft sorgen zu können.

Ihre hellblauen Augen huschen schließlich über das Zeitschriftenfach an der Rückseite des Fordersitzes. Vor dem Titelblatt einer bunten Illustrierten steckt eine weiße Papptafel. „Notfallplan – Seite 2“ steht mit großen Letter in der Kopfzeile gedruckt. Darunter ist eine Skizze des A320-200 zu sehen und dicke grüne Pfeile markieren die Notausgänge. Für einige Sekunden verharrt ihr Blick auf der laminierten Notfallkarte. Dann schaut Beatrice wieder auf, dreht ihren Kopf zu anderen Seite und sieht ihm in sein Gesicht. Gerard hat trotz seines Alters noch immer ein sehr jungenhaftes Aussehen. Er hat schmale Lippen, trägt keinen Bart und ist wie immer frisch rasiert. Der süßliche Geruch seins Aftershaves ist ihr inzwischen sehr vertraut. Vielleicht bildet sie sich das auch nur ein, aber sie hat den Eindruck, es rieche wie das Bouquet ihres Lieblingsweins. Gerards leicht verspielte Augenbraun und die kleine Stupsnase gefallen Beatrice besonders. Sie kann sich noch immer an den Tag erinnern, als sie ihn das erste Mal auf dem Campus angerempelt hatte und ihm dabei mehrere Bücher aus dem Arm gefallen waren. Gerard ist eher schüchtern, ein leicht verlegener Typ, aber unheimlich süß, wie sie vom ersten Tag der Begegnung an merkte. Und immer wenn er schlief, sah er aus wie ein Unschuldsengel.

Auch jetzt hat Gerard seine Augen verschlossen. Beatrice lässt ihren Blick über sein Gesicht kreisen. Sie ist sich nicht ganz sicher, ob er wirklich schläft, oder nur so tut, um damit seine Anspannung und Flugangst zu überspielen. Vielleicht war auch das einer der Gründe, warum es so lange gedauert hatte, bis Gregoire, ihr Vater, mit ihm warm geworden war. Gregoire Dupont arbeitet bei Air France, und Gerard schien sich überhaupt nicht für Flugzeuge oder die Fliegerei zu interessieren. Inzwischen weiß Beatrice warum.

Behutsam legt sie ihre Hand auf seine, dann streichelt Beatrice sie zärtlich. „Gerard und Beatrice Dupont“, flüstert sie vor sich hin und kann es irgendwie immer noch nicht fassen, dass sie beide nun endlich den Bund der Ehe eingegangen waren. Das Gerard den Familiennamen von Beatrice angenommen hatte, war zweifelsohne der Einfluss von ihrem Vater gewesen, auch wenn Gerard es nicht zugeben wollte. Aber ihr war es inzwischen auch egal. Sie war nur froh darüber, dass Gregoire ihre Entscheidung, Gerard zu heiraten, überhaupt akzeptierte. Diese Tatsache war mit Sicherheit dem Einfluss ihrer Mutter zu verdanken gewesen, was sich jedoch Gregoire nie im Leben eingestehen würde.

Mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht dreht Beatrice ihren Kopf wieder in eine völlig entspannte Position und fixiert die kleinen Armaturen über den Sitzplätzen. Neben dem momentan erloschen Anschnallzeichen leuchtet das kreisrunde Symbol für das Rauchverbot. Links und rechts daneben gibt es für jeden Sitz eine eigene kleine Leselampe und eine drehbare Düse der dezent summenden Belüftungsanlage. Die ockerfarbene Belüftungsdüse über Beatrice ist aufgedreht und einige ihrer Haare tänzeln im leichten Luftzug.

Ein heftiges Rucken durchzieht plötzlich die Maschine. Der Airbus von Air France sackt leicht nach unten ab, zumindest fühlt es sich in der Magenkuhle so an. Beatrice verkrampft leicht und Gerard sitzt plötzlich mit weit aufgerissenen Augen da. Sie dreht sich zu ihm hin, während er seine Augen wieder krampfhaft verschließt. Kleine Fältchen bilden sich um seine zugekniffenen Augen. „Es ist alles in Ordnung. Das war nur ein Luftloch“, beruhigt ihn Beatrice. Sie selbst kann es kaum glauben, dass diese Worte soeben aus ihrem Mund gekommen waren. Da der Liner nun jedoch wieder stabil durch die Lüfte reist, schenkt sie ihren eigenen Worten auch selbst Glauben.

 

Vorne im Cockpit lässt man sich von einem Luftloch wenig beeindrucken. Dafür kreisen nervöse Blicke über die vielen Anzeigen, weil die Instrumentenbeleuchtung leicht auf und ab flackert. Ein feuerrotes Lämpchen leuchtet auf und ein ebenso eindringlicher wie hartnäckiger Summton erfüllt das Flugzeugcockpit. „Das Wetterradar ist aufgefallen“, stellt Jaques Piccard, der Co-Pilot fest. „Schalten Sie den Alarm aus“, ordnet Flugkapitän Arnault Dornier an. Jaques drückt den roten Knopf. „Autsch“, flucht er leise vor sich hin. Der Summton ist verschwunden, so dass sein Fluchen dennoch deutlich zu hören war. Kapitän Dornier schaut seinen Co-Piloten mit fragenden Augen an. „Ich hab' nur einen leichten Schlag bekommen“, erklärt sich dieser. Dann fordern plötzlich alle elektronischen Anzeigetafeln die volle Aufmerksamkeit der Piloten ein. Lautlos verlischt eine Anzeige nach der andere, binnen weniger Augenblicke ist das halbe Cockpit, das vor Sekunden noch durch viele bunte Lämpchen und kleine Bildschirme erleuchtet war, schwarz wie die Nacht. „Ich habe nichts angefasst“, beteuert Piccard. In diesem Moment erlischt die kleine Deckenbeleuchtung und ein Raunen aus der Passagierkabine lässt darauf schließen, dass auch dort die Kabinenbeleuchtung ausgefallen ist. Mit ruhiger und sachlicher Stimme ordnet Arnault Dornier seinen Copiloten an: „Notbeleuchtung einschalten“. Routiniert wandern seine Blicke professionell über die mechanischen Instrumente; eine Vielzahl von kleinen Uhren und kreisrunden Armaturen, die auch ohne Computer ihren Dienst tun und Angaben über Flughöhe, Kurs und Geschwindigkeit preisgeben. Doch der Unterton in seiner Stimme verrät seine Anspannung. Jaques schaltet die Notbeleuchtung an. Die in den 1990er entwickelte A320-Reihe der Airbusfamilie war das erste vollkommen computerisierte Passagierflugzeug. Dass die Notbeleuchtung nicht von selbst angesprungen war, kann nur bedeuten, dass auch das Computersystem offline ist.

Mit einem Mal fängt der Zeiger auf dem Variometer an zu kreisen und bestätigt das ebenso plötzliche Bauchgefühl im Magen: Der Airbus sackt ab und verliert schnell an Höhe. Jaques greift an den Sidestick, der ausschaut, wie ein kleiner Joystick für Spiele am PC daheim. Doch die Fly-by-wire-Elektronik, die es sonst ermöglicht, das Flugzeug gewisser maßen aus dem Handgelenk zu steuern, funktioniert nicht. Kapitän Dornier greift auf die altmodische Weise in die Steuerung des Leitwerks ein. Er zieht am schwerfälligen Hebel für die mechanische Höhensteuerung. Es gelingt ihm die fast 70 Tonnen schwere Maschine abzufangen, doch beiden Piloten ist klar, dass sie um eine Notlandung nicht herumkommen werden. „Hier ist Air France Flug 86, wir müssen einen außerplanmäßigen Zwischenstopp einlegen, bitte kommen...“ Mit trockener Stimme versucht der Kapitän Kontakt mit der Flugleitzentrale des nächstgelegenen Airports zu bekommen. Doch die Kopfhörer bleiben stumm. „Hier ist Air France Flug 86, können Sie mich hören? Bitte kommen...“ Augenblicklich erkennen beide Piloten, dass sie auch den Funkkontakt zum Boden verloren haben.

„Also gut, wo ist der nächste Flughafen?“, will Dornier wissen. Jaques blättert leicht nervös in der Mappe mit den Luftkarten. Dann schaut er sehr besorgt auf die Uhr, dann zu seinem Nachbarn: „Wir sind schon im hessischen Luftraum, oder?“ Der Kapitän nickt stumm, doch auch ihm steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Können wir zurück?“, fragt Jaques. „Ich glaube nicht, der Vogel reagiert gerade sehr empfindlich. Wir sollten uns mit Kurskorrekturen zurückhalten und einen Strömungsabriss vermeiden“, erwidert Dornier. Jaques blättert die nächste Seite in der Kartenmappe auf: „Der nächste Flughafen wäre dann Stuttgart.“ „Ich glaube nicht, dass wir den Vogel noch so lange oben halten können“, antwortet der Kapitän mit einer verkrampften Stimme, während er dagegen ankämpft, dass die Maschine erneut zu schnell absackt. „Was ist mit Frankfurt? Das liegt doch auf unserer Route...“, schnauft er angestrengt. Jaques, der ihn inzwischen bei der Höhensteuerung unter die Arme greift, wirft seinem Vorgesetzten einen entsetzten Blick zu: „Frankfurt ist doch schon seit Jahren geschlossen. Und das hat auch seinen Grund.“ „Immer noch besser als irgendwo zwischen Wald und Wiesen runterzukommen“, erwidert Dornier. Jaques Piccard ist über diese Entscheidung alles andere als glücklich, doch es leuchtet ihm ein, dass es wohl die beste der noch verbleibenden Optionen ist. „Die Flugfeldbefeuerung wird mit Sicherheit nicht mehr funktionieren, es wird eine Herausforderung sein, die Landebahnen bei diesem Wetter auszumachen“, sagt Dornier nach einigen Sekunden. Jaques nickt zustimmend und beißt sich auf die Lippen.

 

In der verregneten Stadt der Liebe an der Seine sitzen zehn Geschäftsleute und Manager auf schwarzgepolsterten Ledersitzen um einen weit ausladenden Konferenztisch herum. Vor einer an der schneeweißen Wand projizierten Kurve referiert eine Abteilungsleiterin im dunkelblauem Hosenanzug über die Prognosen der bevorstehenden letzten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres von Air France. Neben ihr kann man durch die breite Glasfassade hindurch über die Dächer eines Geschäftsviertels hinweg den Eifelturm im trüben Sommerregen erkennen. Mit einem Laserpointer erläutert die Referentin schließlich das Kurvendiagramm an der Wand und hält mitten in ihrer Ausführung inne, als sich die Tür öffnet und unerwartet eine weitere Person den Raum betritt.

Eine Sekretärin, die mit ihrem Minirock auch als Stewardess durchgehen könnte, versucht so unauffällig wie möglich zu ihrem Chef zu treten, doch alle Aufmerksamkeit in diesem Raum sind mit einem Mal auf das Gesicht der blonden Frau gerichtet: „Monsieur Dupont, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber es ist wirklich wichtig.“ Gregoire Dupont versucht sich nichts anmerken zu lassen, doch sein Gesichtsausdruck kann nicht verbergen, dass er alles andere als erfreut über diese Unterbrechung ist. Seine Sekretärin versucht ihm etwas ins Ohr zu flüstern, doch in ihrer Aufregung spricht sie dennoch so laut, dass es alle im Raum mitbekommen. „Monsieur Dupont, wir haben den Kontakt zu einem unserer Airliner verloren. Die letzten gesendeten Daten lassen darauf schließen, dass die Bordelektronik aufgefallen ist.“ Der Ärger auf Gregoires Gesicht verfliegt und wechselt sich mit einer sichtlich angespannten Mimik ab. Geschäftsmäßig rückt er mit seinen Händen alle vor ihm auf dem noblen Konferenztisch ausgebreiteten Papiere wieder zusammen und bringt nur ein Wort hervor: „Wo...“ Seine Sekreträtin schaltet schnell: „Flug 86 von Amsterdam nach Athen. Der Kontakt brach im deutschen Luftraum ab.“ Eine böse Vorahnung lässt das Gesicht des Air France Managers erbleichen: „Wo genau?“ „Die Maschine geht offenbar in Frankfurt runter“, stammelt die Sekretärin und weiß genau, was dies für die Air France-KLM Group bedeuten kann.

Die schlichte Erwähnung der ehemaligen Mainmetropole lässt ein nervöses Raunen durch die Konferenzraum schwappen. Mit zittriger Hand greift Gregoire Dupont zu seinem Wasserglas und nimmt einen großen Schluck. Dann stellt er das Glas wieder auf die schwarze Tischplatte ab und erhebt sich aus seinem Konferenzstuhl. „Mesdames, Messieurs, ich fürchte wir müssen diese Sitzung unterbrechen“, mit diesen Worten ergreift er seine Akten und schreitet schnellen Schrittes aus dem Raum. Seine Sekretärin und zwei weitere Manager folgen ihm wortlos, während am anderen Ende des Raumes zwei Geschäftsleute anfangen zu tuscheln: „Die Presse wird uns in der Luft zerreißen...“

 

Gerard Dupont ist hellwach und Beatrice spürt die Anspannung ihres Ehemanns. Die Kabine ist nur noch schwach beleuchtet und an der Decke flammen plötzlich die Anschnallzeichen in einem hellen rot auf. Auch ohne Messinstrumente ist nicht schwer zu erraten, dass der Airbus immer tiefer sinkt. Eine Stewardess geht durch den Mittelgang und versucht die Passagiere zu beruhigen: „Es gibt kleine Turbolenzen und deshalb gehen wir auf eine niedrigere Flughöhe. Bitte schnallen Sie sich zu Ihrer eigenen Sicherheit an. Es ist alles in Ordnung.“ Sie hat ein künstliches Lächeln aufgesetzt, doch ihre Augen verraten etwas anderes.

 

Vorne im Cockpit versuchen Arnault Dornier und Jaques Piccard den fast 38 Meter langen Vogel mit seiner Spannweite von rund 34 Metern so sicher wie möglich auf einem stabilen Sinkflug zu halten. Eine Stewardess kommt ins Cockpit. „Wir werden eine Notlandung vornehmen müssen, bereiten Sie bitte die Passagiere darauf vor“, erklärt der Flugkapitän. „Wir sind doch schon im deutschen Luftraum, oder“, fragt Isabeau Lefebvre nach und zwirbelt nervös eine blonde Haarsträhne um ihren Finger. Die beiden Piloten schauen sich ohne ein Wort zu sagen an und wissen, was sie meint. Kapitän Dornier räuspert sich und die Stewardess kann sich denken, was dies zu bedeuten hat. „Wir werden versuchen in Frankfurt zu landen“, gibt der Flugkapitän schließlich zur Antwort. „Ich verstehe“, sagt Isabeau mit leiser, zittriger Stimme, während ihr Gesicht kreideweiß wird. „Aber sagen Sie den Passagieren zunächst noch nicht wo wir landen müssen“, fügt Dornier schnell hinzu. Isabeau nickt ohne ein Wort zu sagen und verlässt das Cockpit.

Eine andere Stewardess, Angelique Neveu, betritt den Bereich der Bordküche und zieht den blauen Vorhang zur Passagierkabine hinter sich zu. „Was ist los?“, fragt sie, als sie das bleiche Gesicht ihrer Kollegin erblickt. Isabeau klammert sich an der leicht fettigen Anrichte fest. „Wir gehen runter“, sagt sie, während ihre Stimme immer noch bebt. „Jetzt bloß keine Panik, dafür sind wir ausgebildet worden“, sagt Angelique und wischt sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Eigentlich hatte sie es wohl eher zu sich selbst gesagt, doch Isabeau meint, ihre Kollegin wolle ihr Mut zu sprechen und reagiert: „Sie versuchen eine Notlandung... in Frankfurt.“ Den Namen der einst bewohnten Stadt am Main zog sie auffällig in die Länge und Angelique versteht sofort. „Oh mein Gott“, ist zunächst alles, was sie über ihre dezent geschminkten Lippen bringt. Panik steigt ihn ihr hoch, raubt ihr den Atem und versucht ihre Kehle abzuschnüren. Ein beklemmendes Gefühl macht sich im Magen breit, so als ob sie einen Beutel mit Eiswürfel verschluckt hätte. Für einen Bruchteil der Sekunde hat sie das Gefühl, alles um sie herum würde anfangen sich zu drehen. Ihre Nackenhaare sträuben sich, es fühlt sich an, als würde sie jemand mit kleinen Nadeln traktieren. Doch es gelingt ihr Herr der Lage zu bleiben. Sie atmet auffällig tief und langsam ein und aus. Sie fährt sich mit beiden Händen über ihr kurzes schwarzes Haar und ihre Mimik verrät, dass sie dabei ist allen Mut zu sammeln, der irgendwo in ihrem Kopf verstreut verborgen ist. Dann reißt sie sich zusammen, macht einen Schritt vorwärts und greift ihrer Kollegin an die Schultern. Für einen Augenblick schauen sich die beiden Frauen stumm in die Augen. Angelique würgt ihren Frosch im Hals hinunter: „Was auch immer passiert. Das stehen wir durch. Wir haben jetzt unseren Job zu machen.“ Die gefasste Betonung in ihrer Stimme verfehlt nicht ihrer Wirkung. Isabeau nickt und versucht zu lächeln.

 

„Ladies und Gentlemen, hier spricht ihr Kapitän. Wir haben ein paar kleine technische Schwierigkeiten und werden deshalb zu Ihrer eigenen Sicherheit einen außerplanmäßigen Zwischenstopp einlegen. Unsere Landung könnte etwas wackelig werden, deshalb schnallen Sie sich bitte an und befolgen Sie die Anweisungen des Kabinenpersonals. Wir werden Sie schnellstmöglich darüber informieren, wann Sie die Reise fortsetzen können.“ Angespannt haben Beatrice und Gerard der Kabinendurchsage gelauscht. Beatrice umfasst die Hände ihres Ehemanns: „Keine Sorge. Ich vermute, die landen nur, weil die Vorschrift ihnen verbietet weiterzufliegen, wenn... was auch immer... gerade nicht richtig funktioniert. Vermutlich bekommen wir einen Ersatzflieger, sobald wir gelandet sind“, versucht Beatrice den Mann ihrer Träume zu beruhigen. Gerard nickt und kneift sich wieder die Augen zu. Beatrice hingegen grübelt, warum der Kapitän nicht gesagt hatte, wo sie überhaupt ihren ‚außerplanmäßigen Zwischenstopp’ einlegen werden.

 

Der A320 sinkt immer tiefer und durchbricht schließlich die Wolkendecke. Beatrice wirft einen Blick aus dem Fenster. Unter ihnen kann sie eine weitflächige Stadt erkennen. Der Himmel ist immer noch grau. Und die Stadt auch. Erst auf dem zweiten Blick fällt ihr auf, dass es offenbar überhaupt kein Licht dort unten gibt. Keine beleuchteten Fenster, keine Straßenlaternen, keine Leuchtreklame. Und es scheint sich auch nichts zu bewegen. Im Anflug auf andere Städte konnte man in dieser Höhe zumindest erahnen, wie viele Autos auf den Straßen unterwegs waren. Doch diese Stadt schien wie in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Ihr Blick wandert über die bebauten Vororte hinweg in die Richtung, wo offenbar das Zentrum der Metropole zu Hause ist. Große Türme und Wolkenkratzer zeichnen sich ab und im Zentrum ragt ein Turm empor, deren Spitze wie eine kleine Pyramide ausschaut. Mit einem Mal erkennt sie die Skyline der schlafenden City.

Auch andere Passagiere haben zwischenzeitlich aus den kleinen Kabinenfenstern gelugt und die unverwechselbare Skyline erkannt. Dann rollen drei Wellen durch die fast 28 Meter lange Passagierkabine. Erst geht ein Raunen umher, das noch mehr Passagiere dazu bewegt, Blicke aus den Fenstern zu werfen. Dann breitet sich Aufregung aus, als sich die meisten Sitznachbarn gegenseitig bestätigen, welche deutsche Stadt ihnen dort zu Füßen liegt. Dann ist es nur noch Panik. Schreie dröhnen in Beatrice Ohr, die sich überschlagen, so dass sie nur einzelne Häppchen aufschnappen kann. „Wir können doch hier nicht landen!“, ruft entsetzt ein Mann mit Anzug und Krawatte in der Sitzreihe neben den Duponts. Der Mann, der sich offenbar auf einer Geschäftsreise befindet, starrt entsetzt aus dem Fenster und klammert sich an seinem Laptop fest, den er soeben zugeschlagen hat. Die Stewardessen versuchen vergeblich für Ruhe zu Sorgen, doch die Durchsagen werden einfach übertönt. Plötzlich steht Angelique Neveu mit einem kleinen Handmegaphone am Eingang zur Kaffeeküche und verkündet für alle unüberhörbar: „Bitte setzen Sie sich wieder hin. Klappen Sie ihre Tische hoch. Neben Sie jetzt die Sitzhaltung für die Notlandung ein. Beugen Sie sich vorn über ihre Knie und verschränken Sie ihren Kopf in ihren Armen.“ Mit einem Mal ist es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ganz perplex starren viele Passagiere auf die kleine schwarzhaarige Frau mit dem Megaphon. „Jetzt“, setzt Angelique nochmals an. Und wie auf Kommando verschwinden die Köpfe in den Sitzreihen.

 

Im Cockpit hat Jaques Piccard inzwischen lange betonierte Flächen ausmachen können, die offenbar zum ehemaligen Luftverkehrsknotenpunkt an der Mainmetropole gehören. Wie befürchtet ist die Flugfeldbefeuerung nicht mehr in Betrieb und einen elektronischen Leitstrahl hätten sie ohnehin nicht mehr empfangen können. Schnell verständigen sich die beiden Piloten darüber, welche der Bahnen sie ansteuern wollen. Arnault Dorniers Gesicht ist vor Anspannung schmerzverzerrt, doch wie ein gekonnter Meister der Aviatik setzt er den tonnenschweren Verkehrsliner auf die Piste auf. Mit einer Landegeschwindigkeit von rund 220 Kilometern die Stunde fegt der Airbus auch nach dem Aufsetzen noch mit einem Mordstempo über die Landebahn. Normalerweise braucht ein A320 rund anderthalb Kilometer Landerollstrecke. Doch diesmal springt der Airbus immer wieder leicht auf, als er sich den Weg über umhertreibenden Müll, Laub und Geäst bahnen muss. Nicht nur für die Passagiere wird die Landung zu einer äußerst holprigen Tortur. Auch die Cockpitbesatzung wird in ihren Sitzen ordentlich durchgeschüttelt. Viel zu spät erkennen die beiden Piloten, dass am anderen Ende der Rollbahn noch Flugfeldfahrzeuge umherstehen. Die Reifen quietschen und fangen an zu qualmen, als der Kapitän eine Notbremsung hinlegt. Der Airbus fängt an leicht zu schlingern. Mitten auf der Landesbahn steht ein tonnenschweres Räumfahrzeug mit einem breiten Schneeflug. Ein stummer Zeuge, dass der Airport vor rund zehn Jahren mitten im Winter Hals über Kopf aufgegeben wurde. „Wenn wir den mit einer Tragfläche rammen, dann war’s das. Die Tanks sind noch fast voll“, ermahnt Jaques. Kapitän Dornier nickt angespannt: „Ich habe da eine Idee“, sagt er und konzentriert sich auf den immer näher kommenden Schneeflug. „Wir steuern genau auf ihn zu“, kreischt Jaques schließlich. „Ich weiß, das ist mein Plan.“ Nur wenige Sekunden später kracht der Airbus gegen das Fahrzeug. Der harte Aufprall zieht durch alle Knochen. Die enorme Geschwindigkeit nimmt abrupt ab. Alle werden in ihren Sitzen nach vorne geworfen. Ein Höllenlärm breitet sich aus. Es scheppert und klirrt. Ein Geräusch von berstendem Metall übertönt die Triebwerke. Der Aufschlag lässt Cockpit und Passagierkabine erzittern. Das Bugrad reißt ab. Funken sprühen. Die Nase des Verkehrsliners neigt sich bedrohlich nach unten. Das Dach des Schneeflugs gibt nach und wird komplett eingedrückt. Doch wie auf breiten Zwillingsreifen rollt die Passagiermaschine aus, während der Schneeflug rückwärts geschoben wird und das Fahrgestell des Rollfeldfahrzeugs auf dem Boden weitere Funken schlägt. Nach fast 200 Metern kommt diese merkwürdige Kombination aus Passagierflugzeug und Schneeflug endlich zum Halten.

 

Jaques atmet erleichtert auf, doch Dornier rührt sich nicht. Vorsichtig kippt der Copilot seinen Vorgesetzen zurück in den Sitz. Der Flugkapitän hat sich beim Aufprall den Kopf an den Armaturen aufgeschlagen und ist offensichtlich bewusstlos. Inzwischen realisieren die Passagiere, dass sie am Boden sind und überlebt haben. Doch es dauert nicht lange, bis sich wieder Panik in der Kabine ausbreitet. Hektisch versuchen einige Fluggäste mit Jacketts und Jacken aus dem Handgepäck die Lüftungsschlitze und Fenster abzudichten. Schließlich ist es wieder Angelique Neveu, der es erst gelingt, sich mit dem Megaphone Verhör zu schaffen: „Bitte beruhigen Sie sich. Bitte beruhigen Sie sich und setzten Sie sich alle wieder hin. Es nützt Ihnen nichts, die Fenster abzudichten... Das Flugzeug wird Sie nicht schützen können...“ Über ihre eigenen Worte selbst erschrocken senkt sie ihr Megaphone und starrt in den Passagierraum. Wieder ist es schlagartig still. Gespenstig still. Langsam realisieren auch die letzten Passagiere, wo sie hier gestrandet sind. Schweigende und betretene Blicke werden aus den Fenstern geworfen. Draußen ist eine surreale Landschaft zu sehen.

Neben der Landebahn wuchert ungepflegtes Gras, das so kraftgrün wie nur möglich dem grauen Umfeld strotzt. Zeitungspapier und kleine Plastiktüten tänzeln im Wind und verdeutlichen, dass hier schon lange niemand mehr für Sauberkeit und Ordnung gesorgt hat. Jetzt, da es ganz ruhig geworden ist, kann man das heulen des Windes draußen hören. Beatrice fröstelt und bekommt eine Gänsehaut. Ihr Atem stockt und angespannt starrt sie weiter aus dem Kabinenfenster. In mehreren hundert Metern Entfernung sind die Silhouetten von Flugzeugen vor einem langgezogenen, unbeleuchteten und trostlos wirkenden Gebäudekomplex zu erkennen. Auf den Tragflächen des weißen Airbus sammeln sich Körner von dem Staub und Dreck der zurückliegenden zehn Jahre, den Air France Flug 86 nun nicht nur rein physisch aufgewirbelt hat.

 

Ein grelles Licht schießt ihm ins Gesicht. Dann noch eins. Für einen Moment bleibt Gregoire Dupont vom Blitzlicht geblendet stehen. Dann geleitet ihn ein Vorstandsassistent zum Rednerpult der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Als sich das Blitzlichtgewitter langsam auflöst und die meisten Journalisten offenbar ausreichend Fotos gemacht haben, rückt er sich das Mikrofon des Rednerpults zurecht. Dass inzwischen auch ein knappes Duzend Fernsehkameras seinen Blick einzufangen versuchen, versucht er so gut er kann zu ignorieren.

„Mesdames, Messieurs, wie Ihnen schon vorab per Mail und Fax in der Einladung zu dieser Pressekonferenz mitgeteilt wurde, haben wir den Kontakt zu einem unserer Airliner verloren. Es handelt sich um Air France Flug 86, der in Amsterdam – Schiphol um 14:30 Uhr Ortszeit planmäßig gestartet ist und für 17:45 Uhr unserer Zeit in Athen erwartet wurde. Die eingesetzte Maschine ist ein Airbus A320-200. Das Flugzeug ist seit neun Jahren im Dienst und wurde erst vor drei Monaten generalüberholt. Seit 15:22 Uhr haben wir keinen Kontakt mehr zu Flug 86. Es gab keinen Notruf und auch keinen Funkkontakt, die auf vorherige Schwierigkeiten der Maschine schließen lassen. Unsere computerunterstützten Passagiermaschinen sind so ausgestattet, dass sie fortlaufend Daten über Flughöhe, Geschwindigkeit und technischen Stand der Maschine nicht nur an die Crew im Cockpit ausgeben, sondern auch an unsere Bodenstationen senden. Die letzte automatische Meldung von 15:22:32 lässt darauf schließen, dass offenbar die Bordelektronik ausgefallen ist und wir deshalb weder weitere Meldungen noch Funksprüche von Flug 86 erhalten haben. Nach unseren bisherigen Kenntnissen bestand der letzte Radarkontakt der deutschen Luftfahrtbehörde um 15:27 nördlich von Frankfurt am Main“, erläutert Gregoire Dupont mit einer so nüchternen Stimme, als würde er gerade die Zahlen der Jahresabschlussbilanz seines Unternehmens vortragen. Unter den Journalisten macht sich Aufregung breit, doch der Air France Manager versucht dies gewissenhaft zu ignorieren: „Natürlich können wir zurzeit nur wage Aussagen treffen. Aber wir gehen zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass die Passagiere noch leben.“ Die Aufregung in der Zuhörerschaft steigt und Gregoire Dupont spricht ein wenig lauter. „Wir vermuten, dass die Piloten auf dem stillgelegten Airport Frankfurt am Main notgelandet sind. Und solange uns keine gegenteiligen Beweise vorliegen, gehen wir davon aus, dass eine solche Notlandung auch erfolgreich verlaufen ist.“

Der Air France Manager macht einen Schritt zurück und sofort schnellen die Finger der Journalisten in die Höhe. Einige fangen sogar unaufgefordert an, ihre Fragen einfach in den Raum zu werfen. Eine Reporterin, der das Saalmikrofon zuerst gereicht wird, will wissen, welche Schritte Air France unternommen hat, um Klarheit über den Verbleib der Passagiere zu gewinnen.

„Wir haben inzwischen Kontakt mit dem nationalen Außenministerium aufgenommen. In diesen Minuten gibt es Gespräche des Ministeriums mit den zuständigen Regierungsstellen beider deutschen Staaten in Berlin und München. Ziel ist es, eine gemeinsame Aufklärungs- und Rettungsmission zu organisieren“, antwortet Dupont.

„Monsieur Dupont, angenommen, es gibt tatsächlich Überlebende: Ist es nicht so, dass die Passagiere dann schutzlos den Gefahren ausgesetzt sind?“, will der nächste Journalist wissen. „Nun, soweit mir bekannt ist, nimmt die Intensität der Kontamination kontinuierlich ab. Aber das Areal ist aus nachvollziehbaren Gründen immer noch eine Speerzone. Dies macht es umso notwendiger, so rasch wie möglich eine Rettungsoperation einzusetzen und die Überlebenden zu evakuieren“, antwortet der Manager. Gregoire stockt für einen Moment und fährt fort: „Ich weiß, dass es gerade für die Angehörigen eine schwere Zeit der Ungewissheit ist. Deshalb möchte ich allen unsere tiefste Anteilnahme und unser Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Ich kann Ihnen versichern, dass wir alles nur menschenmöglich tun werden, um die Passagiere wohlbehalten und so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.“

„Sie haben gut reden“, murmelt ein Reporter in der ersten Reihe vor sich hin: „Sie haben doch gar keine Ahnung, wie sich die Angehörigen jetzt fühlen...“ Ohne die nächste Frage am Saalmikrofon abzuwarten tritt Gregoire erneut an sein Mikrofon heran und schaut dem Reporter mitten ins Gesicht. Dieser weicht leicht verlegen zurück in seinen Stuhl. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass der Air France Manager seinen Kommentar mitbekommen würde.

„Monsieur“, beginnt Gregoire und legt eine kleine Pause ein, als müsse er die Worte, die bereits auf seiner Zunge liegen, erst noch sortieren: „Ich kann Ihnen versichern, ich weiß genau, wie sich die Angehörigen jetzt fühlen.“ Die Stimme des Managers klingt jetzt nicht mehr so fest und geschäftsmäßig, sondern fängt leicht an zu zittern. Mit feuchten Augen setzt Gregoire fort: „Meine eigene Tochter sitzt in der Maschine nach Athen.“ Schlagartig ist es still und ein betretenes Schweigen macht sich im Raum breit. „Bitte entschuldigen Sie mich, ich...“, Gregoire bricht seinen Satz ab. Er dreht sich zur Seite, wo seine Geschäftspartner stehen: „Raphael...“, sagt Gregoire mit leiser Stimme. Sein Stellvertreter reagiert sofort und tritt ans Pult, während sich Gregoire in Richtung Ausgang aufmacht. Für eine geschlagene Minute traut sich keiner der anwesenden Journalisten eine Frage zu stellen. Wie gebannt verfolgen viele Augenpaare, wie Gregoire Dupont gänzlich ohne Blitzlichtgewitter den Raum wieder verlässt.