Beatrice und Gerard Dupont sind auf den Weg zu ihren Flitterwochen in Athen. Sie wollen dem verregneten Wetter im Norden entkommen und hoffen auf sonnendurchflutete Tage am Mittelmeer. Doch der Ausfall der Bordelektronik zwingt Air France Flug 86 zur Notlandung, und dies ausgerechnet über hessischem Luftraum! Den Piloten gelingt es, den Airbus auf dem stillgelegten Frankfurter Flughafen zu landen, wobei sie nicht nur physisch den Dreck und Staub der vergangenen Jahre aufwirbeln...
Für die Medien wird dieser Vorfall zum gefundenen Fressen, rasch flimmern über Europas Fernsehschirmen wieder die Bilder vom deutschen Super-Gau in Biblis. Doch während Air-France-Manager, Politiker und Beamte der Luftfahrtbehörde in den Medien ums politische Überleben kämpfen, sehen sich die Überlebenden von Flug 86 ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt. Ohne Strom im Cockpit können sie keinen Kontakt zur Außenwelt herstellen, und allen ist klar, dass die Wasser- und Nahrungsreserven an Bord nicht ewig halten werden. Schließlich entsenden sie drei Teams von Freiwilligen in die strahlende „Wüste“ des Hals über Kopf verlassenen Airports. Rasch müssen sie jedoch feststellen, dass sich die Natur das Areal inzwischen zurückerobert hat...
In dieser Geschichte sind verschiedene Handlungsstränge und Handlungsebenen miteinander verwoben.
... Behutsam legt sie ihre Hand auf seine, dann streichelt Beatrice sie zärtlich. „Gerard und Beatrice Dupont“, flüstert sie vor sich hin und kann es irgendwie immer noch nicht fassen, dass sie beide nun endlich den Bund der Ehe eingegangen waren. Das Gerard den Familiennamen von Beatrice angenommen hatte, war zweifelsohne der Einfluss von ihrem Vater gewesen, auch wenn Gerard es nicht zugeben wollte. Aber ihr war es inzwischen auch egal. Sie war nur froh darüber, dass Gregoire ihre Entscheidung, Gerard zu heiraten, überhaupt akzeptiert hatte. Diese Tatsache war mit Sicherheit dem Einfluss ihrer Mutter zu verdanken gewesen, was sich jedoch Gregoire nie im Leben eingestehen würde. ...
Das Verbindungsglied zwischen allen Handlungsebenen stellt die Familie Dupont dar. Beatrice und Gerard gehören zu den Hauptakteuren der in der Speerzone gestrandeten Passagiere. Der Vater von Beatrice ist Manager der Air France-KLM Group in Paris und hat mit den Regierungsbehörden beider deutschen Staaten in Berlin und München zu kämpfen. Über diesen Handlungsstrang erfahren die Leserinnen und Leser nach und nach die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe und Folgen der zurückliegenden Katastrophe, die auch erklären, warum die Überlebenden so lange auf Hilfe warten müssen. In der ehemaligen Mainmetropole ist es vor allem das starke Band der Liebe zueinander, das erst Gerard im Flughafenterminal und dann Beatrice in der verlassenen Geisterstadt zu ungewöhnlichen Risiken bewegt, um den jeweils anderen zu retten.
... Ist es wirklich so schlimm um die Passagiere von Flug 86 bestellt? Wäre es eine vergebliche Mühe, sie hier rauszuholen? Wie stark mag die Kontamination heute noch sein? Beatrice weiß es nicht. Doch eines weiß sie genau. Je länger sie alle an diesem verseuchten Ort verweilen würden, desto gefährlicher würden die Auswirkungen für sie sein. Und davor hat sie am meisten Angst. Sie mag es sich gar nicht vor Augen malen. Eigentlich kann sie es auch gar nicht richtig begreifen. Man kann ihn nicht sehen. Man kann ihn nicht hören. Man kann ihn nicht schmecken. Und doch ist er da. Er lauert noch immer da draußen und wartet auf seine nächsten Opfer. Er hat es nicht eilig, er hat Zeit – Zeit, die sie nicht mehr haben werden. Er ist geduldig – Geduld, die sie langsam verlieren. Er ist mächtig, sehr mächtig sogar. Vielleicht sogar so mächtig, dass er schon längst in diesem Flugzeug ist und durch die Sitzreihen der Passagiermaschine weht. Und niemand wird ihn aufhalten können, wenn er nach einem greift; der Tod. ...
Die Handlung in Frankfurt ist vor allem von den Ängsten und der Ungewissheit der Menschen an Bord der Air France Maschine geprägt. Das lange Ausharren und Warten stellen Passagiere und Crew gleichermaßen auf die Belastungsprobe; die Konfrontation mit der unsichtbaren und doch tödlichen Gefahr reizt Nerven und Verstand.
... Es folgt die nächste Sondersendung, doch diesmal geht es nicht nur um die verschollene Passagiermaschine. Die ersten Bilder von der Katastrophe vor rund zehn Jahren flimmern nun über Frankreichs Fernsehbildschirmen. Ein Nachrichtenmoderator interviewt einen Experten. Für den Studiogast aus der Wissenschaft steht außer Frage, dass das Zögern der damals noch gesamtdeutschen Behörden erst ein Desaster solches Ausmaßes verursacht habe: „Seit dem zweiten Weltkrieg hat kein Ereignis mehr das Gesicht Europas so sehr geprägt und verändert. Das Europa von heute ist ein völlig anderes, als es noch vor zehn Jahren war“, kommentiert der Professor für Politikwissenschaften seine These, die Demokratie des Nachkriegsdeutschlands wäre an ihrer Bewährungsprobe 2009 fast gescheitert. ...
Einige Historiker behaupten, die Katastrophe von Tschernobyl (1986) sei politisch wie wirtschaftlich der Anfang vom Ende der Sowjetunion gewesen. Doch für eine kommunistische Diktatur ist es ungleich einfacher, ein solches Desaster zu managen. Hintergrund des zweiten Handlungsstranges ist es zu zeigen, dass ein demokratischer Staat bei einem Unfall dieser Größenordnung schnell an seine Grenzen stößt. Befehlsverweigerungen in der Staatsgewalt, eine globalisierte Marktwirtschaft und vor allem die freien Medien spielen hier eine entscheidende Rolle. Im Rückblick über das "Jahr der vier Kanzler" erfahren die Leserinnen und Leser, wie binnen weniger Monate gleich mehrere Regierungskoalitionen an den Herausforderungen scheitern, die sich durch das Zusammenbrechen der öffentlichen Ordnung, der Vielzahl der Atomflüchtlinge, die folgende Wirtschaftskrise und schließlich durch den erneuten Zerfall in zwei Staaten stellen. Der Hintergrund dieser zurückliegenden Katastrophe erklärt zudem das noch immer angespannte Verhältnis zwischen Frankreich und Luxemburg gegenüber den beiden deutschen Staaten. Auch hier gibt es wieder einen Verknüpfungspunkt, als eines der "Expeditionsteams" von Air France Flug 86 vor dem Hauptbahnhof der ehemaligen Finanzmetropole auf den Tatort der Geschichte trifft, wo in Panik geratene deutsche Bundeswehrsoldaten zum ersten Mal auf die eigene Bevölkerung geschossen haben...
Kapitel 1 - vorläufige Fassung