5. Tagung der 46. Synode - Frühjahrssynode 2004
„Geld sei bei uns nicht das wichtigste, aber dennoch beschäftigen wir uns nur mit Geld. Oldenburg lebt nicht in Armut!“ Mit diesen frei zitierten Worten leitete der Synodaler Pfr. Qualmann seine Beschlussvorlagen gegenüber der Ausarbeitung der sog. Perspektivgruppe ein, da die letztgenannte kein stimmiges Konzept enthalte.
Worum ging es? Wie in den letzten drei Synodenberichten schon angeklungen war es nun endlich soweit. Die Perspektivgruppe brachte den langersehnten und mit Spannung erwarteten Abschlussbericht über die mögliche Zukunft unserer Kirche in die Synode ein. Die 45. Synode hatte den Oberkirchenrat und Synodalausschuss damit beauftragt, eine Perspektivgruppe einzusetzen, die im Mai 2004 der 46. Synode einen Bericht mit Beschlussempfehlungen vorlegen sollte. Dabei sollte diese die Umsetzung, Fortschreibung und ggf. eine Korrektur des sog. „Gelben Papiers“ („Perspektiven kirchlichen Handelns in der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg“) von 1998 vornehmen, welches wiederum auf das „Weiße Papier“ (Beratungsergebnis der Strukturkammer 1995) fußte. Nach den vielen „vielaussagenden“ Zwischenberichten in multimedial aufgearbeiteten Powerpointpräsentationen, jedoch mit mehr oder weniger gehaltlosen Neuigkeiten auf der inhaltlichen Ebene, lag nun der 43-Seiten starke (die ersten vier Seiten sind übrigens unbedruckt) Bericht „Volkskirche bleiben. Weiterentwicklung der Perspektiven für die Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg“ vor, welches wohl in Zukunft neben den vielen anderen Papieren liebevoll das „Grüne Papier“ genannt werden dürfte. Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung (auch wenn die grünen Paramente „nur“ die „übrige“ Epiphanias- oder Trinitatiszeit markiert) und so macht es auch Hoffnung, dass dieser Bericht so einiges Inhaltliche zum lesen und studieren bot, von dem einiges wie z.B. die Verwaltungsstruktur auch schon vorher in der EZ u.a.O. veröffentlicht wurde. Und so war natürlich das Modell mit den drei Verwaltungsämtern in sog. Kirchenverbänden vorher heiß diskutiert. Neben vielen schönen Beschreibungen und Grundaussagen gab es auch 18 Seiten mit relativ konkret formulierten Angaben zu d. Umsetzung und Projekten. Zwar wurden auch Ziele (vor allem in finanziellen und personellen Bereich) formuliert, aber es gab eben keine formalen „Beschlussvorlagen“, wie eingangs beschrieben von der „Vorgänger-Synode“ gewünscht. Der Synodale Qualmann, welcher ja - wie in einem der letzten Synodenberichte geschildert - im Laufe der Arbeit aus der Perspektivgruppe zurücktrat, half dieser Lage ab, indem er (vermutlich zur Überraschung einiger anderer, zumindest aber als Tischvorlage) gleich fünf Beschlussvorlagen einbrachte, von denen gleich die erste im 3. Abs. besagte: „Die von der Perspektivgruppe vorgenommene Evaluation ist ein Meinungsbild von erkennbar begrenzter Bedeutung. Die Synode sieht in den Ergebnissen keine Instrumente, mit denen die Notwendigkeit oder die Qualität kirchlicher Handlungsfelder zu beurteilen wäre.“
Man könnte auch überspitzt formulieren: Das „Grüne Papier“ ist zwar eine schönformulierte Zusammenstellung - aber wenn das Hauen und Stechen losgeht, wann, wo und wie gespart, gekürzt und gestrichen wird - dann muss noch mal gründlich nachgeschaut und evaluiert werden. Und dass scheint auch vernünftig zu sein: Denn unabhängig davon, dass den einen der „mysteriöse Evaluationsbogen“ mit der in einer der vorherigen Synodentagungen lang und breit vorgestellten Matrix noch immer suspekt zu sein scheint, und andere engagierte Haupt- und Ehrenamtliche diesen gar nicht erst zu Gesicht bekommen haben, sollte sich die Synode schon mit den Fragen auseinandersetzen, die Qualmann in seiner Beschlussvorlage II zusammenstellte: Wie wird die Einsparung, die zur Abfederung der Mindereinnahmen in Höhe von 12,5 Mio. € bis 2010 notwendig ist, konzeptionell begründet? In welchem Zeitrahmen ist sie wie - auch unter rechtlichen Gesichtspunkten betrachtet - durchführbar? Und welche Konsequenzen - auch in Form von Wechselwirkungen - wird diese haben?
Losgelöst von den vielen Seiten an formulierten Umsetzungen und Projekten stimmte die Synode vom „Grünen Papier“ nur den Grundaussagen der Perspektivgruppe zu, in denen allgemeine Zielsetzungen und Handlungsfelder umschrieben wurden: Unsere Kirche will also Volkskirche bleiben. In den Details ist man sich dagegen wie so häufig nicht ganz einig und so erwartet die Synode nun ein Konzept über die Einsparungen, ein Konzept „Ehrenamtlichkeit“, ein Konzept für die Öffentlichkeitsarbeit und ein Konzept für die Kirchenverwaltung. Dafür rief die Synode eine sog. Steuerungsgruppe ins Leben, welche zunächst die Projektgruppenvorschläge der Perspektivgruppe überprüfen und dann aufgaben-orientierte Projektgruppen ein, in denen Betroffene (einschl. der Mitarbeiter- und Pfarrervertretung) als Berufene beteiligt werden sollen. Da die Wahl einer Steuerungsgruppe in der Tagesordnung hätte aufgenommen werden müssen, schlug die Synode nun sechs Synodale vor, welche der Synodalausschuss in die Steuerungsgruppe beruft, in welcher darüber hinaus auch zwei Mitglieder aus dem Oberkirchenrat berufen werden.
Und dabei hatte, nachdem schon im Bischofsbericht der mentale Weg in die Oldenburger Perspektiven geebnet worden war, der Perspektivgruppenvorsitzende Synodaler Pfr. Rossow alles versucht, um für das „Grüne Papier“ einschließlich der Umsetzungen zu werben, denn wie OKR Schrader festhielt: „Je länger Entscheidungen hinausgeschoben werden, desto teurer wird es.“ Nach Rossow sei das „Grüne Papier“ kein „Hau-Ruck-Programm“, es sei nur schlecht kommuniziert und stehe deshalb in einem schlechten Licht, obwohl es gar nicht schlecht sei. Der Perspektivbericht sei ein Programm mit einem flexiblen Spielraum - auch im Finanzplan - bis 2008/2010. Aber genau in diesem flexiblen Spielraum scheinen in der Ausarbeitung noch zu viele offene Frage zu sein. Und so ergab sich auch eine Diskussion mit einer regen Redebeteiligung, die hier natürlich nur auszugsweise dargestellt werden kann: Und so fragte der Syndaler Dr. Thierfeld, was aus dem Papier „Kirche 2000“ geworden sei, und bemängelte, dass sich viele Bedenken nur in Ansätzen wieder finden ließen. Synodaler Pfr. Harrack warf wiedereinmal die Frage nach einer konzeptionellen Begründung der Eigenständigkeit der Oldenburger Kirche in den Raum, Synd. Pfr. Dr. Gräbe fragte, wo die Mission bleibe und Synd. Pfr. Müller hinterfragte den Einstellungskorridor und warb dafür, dass Pfarramtsinhaber zugunsten des Nachwuchses auf Anteile verzichten könnten. Der Synodale Wiehe plädierte dafür, die voraussehbaren Strukturveränderungen nicht über die Rücklagen zu finanzieren, da diese zum Abfangen nichtvorhersehbarer Veränderungen aufrechterhalten werden sollten. Auch wenn man es vermuten könnte, sei an dieser Stelle jedoch darauf hingewiesen, dass in dieser Debatte nicht das große Gezerre um die Haushaltsbudgets eröffnet wurde, und so appellierte Gräbe, dass die Synodalausschüsse keine Lobbylistengruppen sein dürften. Ferner formulierte er in Bezug auf die Situation in Togo: „Eigentlich haben wir keine Finanzkrise, eigentlich haben wir eine geistliche Krise“ oder wie Thierfeld es ausdrückte: „Die beste Sparmaßnahme wäre ein Konzept, wie wir Leute an die Kirche herankriegen und somit einen Gegentrend zum Kirchenaustritt schaffen.“ Die Frage nach einem solchen Konzept blieb aber ebenso wenig konkret beantwortet wie die Frage der Synodalen Lüdders nach neuen Handlungsfeldern in der Kirche, die sie schon zum Bischofsbericht aufwarf. Auch wenn Bischof Krug in der mündlichen Aussprache auch seine Sympathie für die Handlungsbereiche aussprach, die nicht wortwörtlich im Bischofsbereicht erwähnt sind, bleibt die Frage nach neuen Visionen und zukunftsweisenden Perspektiven trotzt der vielen Sitzungen, Evaluationen und Papieren - ich würde fast sagen tragischer Weise - leider unbeantwortet.
Die Enttäuschung über den Perspektiven-Prozess steigerte sich noch, als unter TOP 19, der Neustrukturierung des Bildungswerkes als Vorlage 81 die neutrale Evaluation durch die Perspektivgruppe in Frage gestellt wurde. Trotz einer Erarbeitung von Seiten des Bildungswerkes hat der OKR nach Meinung Qualmanns eine unfähige Reform vorgelegt, dessen Sinn sogar bei den darauffolgenden Redebeiträgen von einem OKR-Kollegen in Frage gestellt wurde. Hinzu kam eine wohl mangelhafte Kommunikation gegenüber der Mitarbeitervertretung. Insbesondere bemängelte der Synd. Junknert, dass die Perspektivgruppe an diesem Punkt nicht weiter arbeiten konnte, weil der OKR die Organisationshoheit an sich gebunden hatte. Und so schimmerte auch im darauffolgenden Beitrag vom Synd. Schubert der Streit um die Organisationshoheit durch, der es wohl gern gesehen hätte, wenn sich die Synode hier gegen den OKR durchgesetzt hätte. Zumindest lässt sich sagen, dass die alternative Vorlage von Qualmann wesentlich aufgabenorientierter scheint.
Das Schwerpunktthema war - ganz im Sinne einer Perspektivüberlegung - die Herausforderung einer älter werdenden Gesellschaft. Und so gab es am zweiten Verhandlungstag am Vormittag interessante einführende Referate, u.a. vom Präsidenten des Diakonischen Werkes der EKD, Herrn Gohde. Am Nachmittag folgte eine Reihe von Arbeitsgruppen mit Erfahrungs-Knowhow aus dem Diakonischen Werk. Doch so spannend auch der einzelne Gesprächskreis verlief, desto ernüchternder war der - zumindest vorläufige - Umgang mit den Gruppenergebnissen: Sie wurden lediglich an der Wand aufgehangen, im Plenum verschwand das Thema wieder so schnell wie es aufgerufen worden war. Und so kann man auch an dieser Stelle nur hoffen, dass der gute Wille, die guten Ideen und die guten Ansätze nicht nur in irgendwelchen Schubladen verschwinden, sondern - vielleicht von der neuen Steuerungsgruppe - innovativ aufgenommen und vor allem in konkreten Taten umgesetzt werden.
Und so muss man nun warten, was sich unter der Steuerungsgruppe entwickelt, und kann nur hoffen, dass sich die Zukunft der Kirche nicht auf das Schwärzen von Perspektivpapieren beschränkt.
Stefan Bölts