Generalaudienz des Papstes

 

Artikel im Geistesblitz - der Semesterzeitung der Oldenburger Studierenden

 

Kongregation für Glaubensfragen

Wie dem einem oder der anderen vielleicht aufgefallen sein mag, war ich bei der letzten Ahlhorntagung [II/2004] nicht dabei. Das lag daran, weil ich zu dieser Zeit in Rom war – nicht dass es etwas besseres als Ahlhorntagungen gäbe – aber da wir in unserem 14tägigen Sommerkurs „Ökumenisches Lernen in Rom“ jeden Tag volles Programm hatten, war es leider leider nicht möglich, zu der Fischteichidylle in den Norden zu kommen... ;-)

Für 16 TeilnehmerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet bot das Centro Melantone in Rom unter der Leitung von Prof. Dr. M. Wallraff und Dr. G. Schneider-Ludorff aus Jena sowie Dr. J. Rexer aus Tübingen ein volles Programm: Besichtigungen von vielen Kirchen und antiken Foren standen ebenso an wie Besuche vatikanischer Behörden wie Radio Vatikan, dem päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen und der Kongretation für Glaubenslehre, wir besichtigten die Sixtinische Kapelle, die urchristliche Sammlung in den vatikanischen Museen und eine sonst nicht öffentlich zugängliche Katakombe. Weiterhin unternahmen wir Ausflüge nach Ostia antika und zur alten Papstadt Viterbo, wir hatten Begegnungen in der luth. Gemeinde in Rom, der Waldenserfakultät, der Comunità di S. Egidio  sowie in einer der zahlreichen päpstlichen Hochschulen in Rom. Neben den vielen Sehenswürdigkeiten Roms und den ebenso vielen frühchristlichen Mosaiken wurden von den TeilnehmerInnen vorher ausgearbeitete Referate über die Ökumene, der röm.-kath. Kirchen, ihren Strukturen und Lehren in Dogma und Praxis gehalten.

Um einen kleinen Geschmack aus Rom mitzuteilen, hier ein Auszug aus dem Tagebuch (Mi, 29.9.04) von der Dokumentations-CD:

Petersdom im Vatikan

Es ist ganz früh morgens und eine kleine wackere Schar von Sommerkurslern macht sich mit dem „Oberwöller“ (der Sommerkurs- Spitzname eines ehem. Romjahr-Teilnehmers) auf den Weg zum Vatikan. Nach der prall gefüllten U-Bahn des Berufsverkehrs knapp vor 7 Uhr angekommen leider die Enttäuschung: Die Messe zur frühen Stunde im großen Dom der Weltkirche ist nicht für Besucher zugänglich, da bereits jetzt die Sicherheitsvorkehrungen für die anstehende Papstaudienz am laufen sind. Rund um den Petersdom ist es noch relativ ruhig, außer den Polizisten in verschiedenen Uniformen sind relativ wenige Menschen - jedenfalls im Gegensatz zum sonstigen „Publikumsverkehr“ am Tage - auf dem Piazza S. Pietro unterwegs.

Kurz entschlossen machte man sich auf den Weg zu einem typisch italienischen Frühstück mit Cappuccino im Stehcafe. Nach dieser relativ kurzen Verstärkung am Morgen waren mehrer Polizei-Busse an einer großen Straßenkreuzung noch einige 100m Meter vom Piazza S. Pietro entfernt als erste Anzeichen für den bevorstehenden Auflauf am Petersdom zu sehen. Schon einige Meter vor den Balustraden des Petersplatzes, den Gian Lorenzo Bernini zwischen 1656 und 1667 gestaltete und errichten ließ, war dann plötzlich die erste Menschentraube vor den Security-Chek-Points, die einen eher an einen Flughafen erinnern, als an eine Kirche. Da die Prozession der Metalldetektoren und Gepäckdurchleuchtung erst um 9 Uhr starten sollte, wurde die Traube immer größer - unter ihnen auch viele Deutsche Pilger oder Touristen oder beides?

Während sich einige Italienerinnen durch die Reihen drängeln, um „weiter vorne stehende Bekannte“ zu treffen, trippeln auch die zum größten Teil schon im Rentenalter befindlichen deutschsprachigen „Besucher“ immer weiter nach vorne, obwohl die Checkpoints noch gar nicht offen sind. Ein älterer Herr leiht seine zweite Golfmütze einem Landsmann mit spärlichem Haar während andere noch schnell ihre Wasserflaschen an einen kleinen Brunnen auffüllen gehen. Kurz danach taucht wieder der ältere Herr mit mehreren Ausgaben der FAZ auf, welche er am Stand des L´Osservatore Romano erstanden hatte, um sie weiterzuverkaufen. Es dauerte nicht lange, da hatten mehrer Damen plötzlich selbst gebastelte Papierhüte aus FAZ-Seiten auf dem Kopf.

Nachdem eine fast unendlich wirkende Menschenkette von polnischen Pilgern mit weiß Halstüchern, darauf in hell roter Farbe „Solidarnosc“ gedruckt, zu einem anderen Eingang gewunken wurde, war es endlich soweit: Die Menschenmenge zerteilte sich in mehr oder weniger geordnete Reihen um durch die Sicherheitsschleusen zu kommen. Wie am Flughafen werden Geldbeutel, Uhren, Fotoapparate etc. durchleuchtet und jeder musste durch die Metalldetektoren.

Diese piepsten am laufenden Band, aber das schien keinen der Sicherheitsleute zu stören, so dass man letzten Endes tatsächlich einfach so hindurchspazieren konnte. Hinter den nun eher nutzlos erscheinenden Sicherheitspoints zerfloss die große Menge auf dem noch größeren Petersplatz. Polizisten und Sicherheitsleute in den verschiedensten Uniformen lotsten einen immer weiter nach vorne: Erst die vorderen Blöcke füllen, bevor man sich in einem der hinteren in die Nähe der „Papamobil-Piste“ zwischen den Stuhlreihen hätte setzen können. Vielleicht macht das für die Fernsehkameras und den Fotographen einen besseren Eindruck, wenn die Leute zentriert zusammensitzen und sich nicht in den einzelnen Stuhlreihen verstreuen (vielleicht sollte man in unseren Kirchen auch Lotsen engagieren, die die Leute in die vorderen Reihen schicken ;-).

Neben mir setzt sich ein Augustiner-Mönch aus den USA, aus dem Bundesstaat New York. Wir unterhalten uns darüber, warum wir in Rom sind und für wie lange, über das Theologiestudium in Deutschland ... derweil belustigt zwei Reihen vor uns ein sehr wohlgenährter Mönch, so wie man sich einen Mönch aus den Robin-Hood-Filmen eben vorstellt, die amerikanische Reisegruppe, die sich um mich herum platziert hat, mit kleinen Späßchen und Spielereien. Zwischendurch fangen immer wieder mal hier oder da Leute an zu klatschen, machen Fotos... immer wenn sich eine etwas größere Gruppe erhebt, um sich beispielsweise für ein Foto vor einem Schweizer Gardisten zu positionieren, stehen plötzlich größere Mengen in der Fehlannahme auf, der Papst würde schon vorbeifahren.

Dieses Schauspiel wiederholt sich derweil so oft, dass man sich selber nach dem 10x mal gar nicht erst bemüht. Diversen „Fehlalarm“ lösen auch Dudelsackgruppen oder eine Blaskappelle aus, die plötzlich hier und dort musizieren. So vergehen Sekunden um Sekunden, Minuten um Minuten, ja ganze zwei Stunden. Die Amerikaner präparieren sich noch mit Sonnencreme und anderer Kosmetika, wären der schön erwähnte die Menge belustigende Mönch immer wieder brav aufsteht und bedankt, wenn fern ab wieder Leute im „Fehlalarm“ klatschen. An seiner nun nicht mehr ganz dunklen Kutte erkennte, dass die Hartplastikschalen-Stühle wohl schon viele viele sonnendurchfluteten Tage auf dem Buckel haben, so dass man immer einen grauen Schleier auf den Händen hat, wenn man über sie hinweg streicht.

Die Lastwagen und Helfer unter dem überdimensionierten Baldachin oder Sonnenschutz sind mittlerweile auch verschwunden. Einige Stühle füllen sich schon mit Bischöfen, an der leuchtend roten Farbe erkennt man, dass auch der ein oder andere Kardinal dabei ist. Aus dem Petersdom selbst ist mittlerweile eine größere Gruppe mit ebenso roten Baseballcapes oder ähnlichen Kopfbedeckungen gekommen und nimmt auf den Plätzen an den Seiten der „Bühne“ Platz. Auf den Stufen dorthin hat sich eine große Gruppe von italienischen Offizieren zum Foto vor dem Petersdom positioniert, mittendrin ein Priester, der einzige ohne olivgrüner Schirmmütze. Im Hintergrund füllt sich auch die Menge des schwarz gekleideten Klerus und ein großes Marienbild wird an den Rand der „Bühne“ gestellt.

Zwischenzeitlich werden in den Reihen der einfachen Besucher mit viel Applaus Brautpaare durch die Gassen begleitet, welche sich ganz nach vorne setzen dürfen.

Planmäßig dürfte es nur noch etwa 20 Minuten dauern und der Augustinermönch neben mit kommt auf Idee, noch mal „eben schnell zum vatikanischen Postoffice“ zu müssen, worüber sich der Rest der anwesenden New Yorker sehr amüsiert.

Die Zeit rennt davon, auf den großen Videoleinwänden erscheint ein Luftbild vom Peterplatz samt Dom, über den Wänden ragen die großen steinernen Figuren von Petrus, auf der anderen Seite von Paulus.

Papst Johannes Paul II.

Mittlerweile tut sich was „da vorne“: Verschiedene Kleriker lesen in verschiedenen Sprachen Bibelstelle und Liedtext der heutigen Audienz vor. Nach einer Viertelstunde ist auch mein Sitznachbar wieder da, das Postoffice hat jedoch geschlossen gehabt. Mit etwa 10 Min Verspätung ist es endlich so weit, worauf sich die mittlerweile gewaltig angestiegene Masse an Besuchern und Pilgern so lang in der stechenden Sonne gewartet hat. In einem verhältnismäßig rasanten Tempo fährt das „Papamobil“ durch die Reihen, die Schweitzer Gardisten und die Polizisten versuchen vergebens die Leute davon abzuhalten, auf die Stühle zu steigen.

Alles klatscht und jubelt und jeder zweite filmt oder fotografiert, als der weiße Jeep mit dem Oberhaupt der weltweiten Kirche durch die Gassen „fegt“. Drumherum ein Pulk an schwarz gekleideten Sicherheitsleuten - schwarze Sonnebrille und „Knopf“ im Ohr. Obwohl der Papst zwei mal an mir vorbei fährt, geht das ganze Spektakel so schnell, dass man Mühe hat, Fotos zu machen.

Unter dem riesigen mit purpurrot-ähnlichen Stoff behängtem „Baldachin“ wird der „Rollstuhl“ des Papstes aus dem Jeep in die Mitte der „Bühne“ geschoben. Der Jeep verschwindet, der ebenfalls klatschende Klerus setzt sich auf den Stühlen und es wird ein wenig ruhiger: Auf den Videoleinwänden ist zu sehen, wie sich der Papst bemüht, mehr oder weniger aufrecht zu sitzen. Mit bloßem Auge kann man recht wenig erkenne, obwohl wir verhältnismäßig weit vorne sitzen, aber der Mönch neben mir hat vorgesorgt und ein Fernglas aus seiner Tasche „gezaubert“.

Nun treten wieder die Kleriker einzelnd an das Mikrofon und teilen den Papst mit, welche angemeldeten Besuchergruppen aus den Ländern ihrer jeweiligen Sprache dabei sind. Und so werden Schulklassen und Pilgergruppen, Kirchengemeinden und Ordensabordnungen, Reisegruppe aus Diozösen und Seminaristen aufgerufen, viele aus Europa, aber auch aus Mexiko, Argentinien, den USA, Kanada und asiatischen Ländern. Viele der Gruppen versuchen sich mit Jubeln zu überbieten, wenn sie aufgerufen werden. Es werden auch viele Gruppe aus den deutschsprachigen Gebiet aufgelistet, u.a. auch eine Gruppe evangelischer Theologiestudierende aus Heidelberg, aber den größten Jubel verbreiteten die Polen.

Weiße Tücher wurden geschwenkt und große „Solidarnosc“-Plakate hochgehoben, man hatte den Eindruck, fast der gesamte vordere linke Block an Sitzreihen stamme aus Polen. Die Auflistung der Besuchergruppen wird sogar unterbrochen, weil sie noch mehr Lieder anstimmen, als die Südamerikaner, die sich ebenfalls lautstark von „irgendwo dahinten bei einem der Springbrunnen“ bemerkbar zu machen versuchte. Ein Chor sang ein zwei polnische Lieder, die Blaskapelle spielte und nach langer langer Zeit war dann der Begrüßungsteil der Gruppen abgeschlossen. Nun war der Papst wieder an der Reihe, nachdem er es sich aber nie nehmen lies, nach den „Sprachgruppen“ in der jeweiligen Sprache ein paar Sätze zu sagen und die ein oder andere Gruppe persönlich zu begrüßen. Während man am Anfang in erster Linie das angestrengte Atmen über die großen Lautsprecher vernahm, war der Kampf des „Bischof von Rom“ immer erfolgreicher und das Murmeln verwandelte sich in mehr oder weniger verständlichen Worten. An diesem Tage wurde auf jeden Fall deutlich, dass Papst Joh. Paul II sein Amt nicht so schnell oder nie aufgeben wird.

Danach ging es verhältnismäßig schnell, so dass sich die Audienz auch schon bald dem Ende zuneigte. Natürlich gab es noch den allumfassenden Segen vom Papst, und alle Ikonen etc. die nun in der Besuchermasse sich befinden, galten nun als päpstlich gesegnet. Auch der Mönch neben mir zog zum päpstlichen Segen kurz eine Ikone aus seiner Tasche hervor und steckte sie danach wieder in die Plastiktüte zurück. Von den Stuhlreihen links und rechts der „Bühne“ traten nun zwei lange Menschenketten in die Mitte, in der sich all diejenigen befanden, die dem Papst noch mal persönlich gegenübertreten durften.

Vorne an ein paar Kardinäle und Bischöfe, die sich ordnungsgemäß vor dem vatikanischen Staatsoberhaupt knieten. Die darauf folgenden Anzugsträger nahmen es mit dem Hinknien dann nicht mehr so genau oder schüttelten nur so die Hand. Ebenfalls dabei die Brautpaare und einige Schwestern und Brüder aus verschiedenen Orden. Eine Gruppe von Rollstuhlfahrern wurde im Akkord vorbei geschoben und zwischendurch wurde auch das große Marienbild empor geholt, damit es seinen Segen bekam.

Auf dem Petersplatz zerstreuen sich mittlerweile nach und nach die Pilger- und Besucher-Massen. Das vat. Postoffice hat noch immer nicht offen, viele Gänge sind nach wie vor abgesperrt aber bei den Sicherheitsleuten schien langsam aber sicher das Chaos zu beginnen. Während auf der einen Seite keine Leute durch Balustraden gehen durften und die Polizisten zunehmend auch mal aggressiv reagierten, konnte man auf der anderen Seite des Petersdomes bereits ungehindert ein und ausgehen. Obwohl auch hier etwa 50 Meter weiter immer noch die Sicherheitsschleusen liefen. In der Nähe des Postoffice versuchten immer wieder Leute mit den Eintrittskarten zur Audienz vergebens zu den Toiletten zu gehen. Rausgehen ging, rein konnte man - zumindest an dieser Seite nicht mehr. Und so wurden die Leute, die zur Toilette oder zum Briefkasten der vatikanischen Post wollten, immer wieder von den Polizisten zur Einfahrt beim Heiligen Offizio geschickt, mit der Begründung, die sollten den Hintereingang nehmen. Die Schweizer Gardisten an der Einfahrt hingegen schickten diese wieder umgehend zurück, so dass man immer wieder kleine Menschentrauben mit Postkarten in der Hand hin und her laufen sah.

Unter der Balustrade des gegenüberliegenden Flügel herrschte wieder „Normalbetrieb“, die Touristen gingen ungehindert ein und aus, die Polizisten klönten an ihren Fahrzeugen und Anzahl der bunten Röcke Schweitzer Gardisten auf dem Platz nahm ebenfalls zunehmend ab, während der Papst auch noch nach 40 Minuten dem Andrang persönlicher Honoratioren stand halten musste, denn während sich der Petersplatz zunehmend leerte, schien die Menschenmenge am „Baldachin“ unmittelbar vor dem Petersdom nicht kleiner zu werden. Für unsereins ist die Papstaudienz nun zu Ende und man begab sich in einen der Ströme in Richtung U-Bahn.

Stefan Bölts. Sep. 2004